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Kultur

Ein neuer Wunder-"Ring"

Kritik: Von Thielemanns erstem "Ring des Nibelungen" an der Staatsoper wird man noch in Jahren sprechen. Leider auch, weil er ihn lange nicht mehr dirigieren wird.

von Gert Korentschnig

12/05/2011, 07:42 AM

Richard Wagners "Ring des Nibelungen" ist immer auch ein Kraftaufwand - nicht nur fĂŒr den Dirigenten, die Musiker und die SĂ€nger, sondern auch fĂŒr das Publikum. Dieses reagierte nach dem letzten Ton der "GötterdĂ€mmerung" mit einer Euphorie, wie sie in der Wiener Staatsoper schon lange nicht mehr zu erleben war. Und nicht wenige verließen weitere 32 Minuten spĂ€ter, den KĂŒnstlern Standing Ovations erbracht habend, das Haus mit dem GefĂŒhl: Schade, dass es aus ist und der "Ring" mit 15 Stunden reiner Musik morgen nicht noch einmal beginnt. So sieht kĂŒnstlerischer Ausnahmezustand in der Welthauptstadt der Musik aus.

Verantwortlich fĂŒr diesen Triumph ist zunĂ€chst Christian Thielemann. Der Kapellmeister aus Berlin ist in diesem Fach eine zur Zeit unĂŒbertreffliche GrĂ¶ĂŸe.
Seine erste (und vorerst leider auch letzte) "Ring"-Interpretation und -Gestaltung in Wien, mit dem philharmonischen Staatsopernorchester, wird im GedÀchtnis bleiben - in jener Hirnregion, wo die Meister-"Ringe" gespeichert sind. Neben dem Bayreuther "Jahrhundert-Ring", inszeniert von Patrice Chereau und dirigiert von Pierre Boulez (1976). Neben der Einspielung von Sir Georg Solti mit den Philharmonikern in den SofiensÀlen (1958 - 1965). Manche werden Karajan dazuzÀhlen. Oder FurtwÀngler. Oder Joseph Keilberth mit dem ersten kompletten Stereo-"Ring" von 1955. Schon an dieser Auswahl sieht man, in welcher Kategorie wir uns endlich wieder befinden: In der allerhöchsten.

Einheit

Aber was macht Thielemanns "Ring" nun so herausragend: Bei diesem Dirigenten ist der gesamte Zyklus ein StĂŒck statt vier verschiedener Opern. Thielemann entwickelt eine musikalische Dramaturgie von der intellektuelleren Vorgeschichte bis zur emotionalen "GötterdĂ€mmerung". Er setzt seine Klangvorstellungen mit dem fabelhaften Orchester ideal um. Er dirigiert nicht zwingend, was in der Partitur steht, sondern was im Moment und in diesem Haus richtig erscheint. Er setzt sich ĂŒber manche Forte-Vorgabe hinweg, weil es ihm um die Gesamtbalance geht und er die Akustik des Hauses bestens versteht.

Farbenpracht

Wie er das Orchester bremst, um die SÀnger ins Zentrum zu stellen, erlebt man bei keinem anderen Maestro. Er erzielt feinste Pianissimi, ohne an Klangkörper und an Farben zu verlieren. In Momenten, in denen er ins Volle greift, etwa beim Trauermarsch, scheint das Haus zu vibrieren.

Bei den SĂ€ngern legt Thielemann grĂ¶ĂŸten Wert auf Wortdeutlichkeit. Die Waltrauten-ErzĂ€hlung (Janina Baechle) hat der Autor dieser Zeilen noch nie so gut gehört. Das ist ein weiteres Merkmal: Thielemanns Hauptaugenmerk liegt auf den komplexen Passagen, die sogenannten Hits liefert dieses wunderbare Orchester ohnehin.

Verantwortlich fĂŒr den Erfolg waren neben Dirigent und Musikern, die am Ende gemeinsam vor den Vorhang traten, aber auch die SĂ€nger. Am letzten Tag der heldische, konditionsstarke Stephen Gould als Siegfried; Linda Watson als erfreulich schön und klar singende BrĂŒnnhilde; Markus Eiche als beeindruckender Gunther; Tomasz Konieczny als zynischer Alberich; und freilich Eric Halfvarson als mĂ€chtiger Hagen, der trotz ErkĂ€ltung zwei AufzĂŒge lang sang und im dritten zwar spielte, sĂ€ngerisch aber von Attila Jun ersetzt wurde. Ähnliches hatte es einst bei der "WalkĂŒren"-Premiere gegeben, als Juha Uusitalo im dritten Aufzug auf der BĂŒhne agierte und singend vom spontan aus einer Pizzeria geholten Oskar Hillebrandt vertreten wurde.

Der "Ring" soll bald auf Ö 1 zu hören sein, eine CD könnte es davon geben. Sehen muss man diese Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf eigentlich nicht mehr.

KURIER-Wertung: ***** von *****

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