Kultur
20.06.2017

Ein kurzes Fest zum langen Abschied

Eva Blimlinger, Rektorin der Akademie der bildenden Künste Wien, über das 325-Jahr-Jubiläum und die Renovierung des Hauptgebäudes.

KURIER: Die Akademie der bildenden Künste Wien feiert am 21. Juni mit einem "Celebration Day" ihr 325-Jahr-Jubiläum. Ins Leben gerufen wurde die Kunstschule aber nicht 1692, sondern schon 1688 von Peter Strudel, wie auf der Homepage nachzulesen ist. Warum macht man sich vier Jahre jünger?

Eva Blimlinger: Die erste urkundliche Erwähnung, ein Zahlungsbeleg des Hofes, stammt aus 1692. Dieses Datum steht auch auf dem Hauptgebäude von Theophil Hansen. Natürlich könnte man ein anderes Jahr wählen. 1772 zum Beispiel wurde die Akademie von Maria Theresia in ein kaiserliches Institut umgewandelt. Aber wie alle Vorgänger im letzten Jahrhundert halten wir uns an 1692.

Das von Ihnen zitierte Dokument ist mit 26. Oktober datiert. Und jetzt haben wir Juni.

Im Juli beginnt die Renovierung und Restaurierung des Hauptgebäudes, wir übersiedeln für drei Jahre in die alte WU in der Augasse. Weil wir unser Jubiläum ungern im Ausweichquartier feiern würden, verabschieden wir uns vom Schillerplatz mit einem großen Fest.

Das 300-Jahr-Jubiläum wurde 1992 pompös mit einem Ganzjahresfestival gewürdigt. Dem gegenüber nimmt sich das Fest heuer äußerst bescheiden aus.

325 Jahre sind ja nur ein kleines Jubiläum. Und vor 25 Jahren gab es noch andere Budgets für öffentliche Institutionen – und daher andere Möglichkeiten. Aber wir haben trotzdem ein tolles Programm zusammengestellt: mit Performances-Bustouren, einem Animationsfilmprogramm, der Präsentation der Abschlussarbeiten 2016/’17 und mit viel Musik in den beiden Innenhöfen, wie zu Beispiel einem Live-Act von Peaches.

Ist es überhaupt sinnvoll, den Hansen-Bau fein säuberlich zu restaurieren? Kunst braucht doch kreatives Chaos.

Es gibt die Angst, dass alles so pipifein hergerichtet wird, dass man sich nicht trauen wird, die Räume zu betreten. Diese Angst kann ich allen nehmen. Denn dafür reicht das Geld, insgesamt 60 Millionen Euro, nicht aus, dazu bräuchten wir ein Vielfaches. Eine komplette Restaurierung ist auch nicht das Ziel. Die Heizungsanlagen sind defekt, die Böden verschlissen, es braucht dringend eine neue Elektrik. Es geht also darum, die Grundinfrastruktur herzurichten. Damit man z.B. wieder neben dem Fenster sitzen kann, ohne sich zu verkühlen, weil es derart zieht. Aber auch die Erhaltung des Bestands ist sehr aufwändig, denn es gibt zum Beispiel über 60 verschiedene Fenstertypen, die zu restaurieren sind.

Bereits unter Ihrem Vorgänger Stephan Schmidt-Wulffen, Rektor bis 2011, war die anstehende Sanierung Thema. Wieso hat es derart lange bis zur Umsetzung gedauert?

Anfangs gab es die Idee zu Erweiterungsbauten in den Höfen, auch der Ausbau des Dachstuhls wurde überlegt. Es war aber bald klar, dass sich all das nicht realisieren lassen wird – aufgrund des Denkmalschutzes und weil es dafür kein Geld gegeben hat. Wir beschränken uns jetzt auf einen neuen Studiensaal für das Kupferstichkabinett samt Depot im zweiten Hof. Dadurch können wir die Bestände, die unter meinem Vorgänger aus dem Akademiehof ausgelagert worden sind, wieder zurückholen, wir sparen uns Mietkosten, und es wird kleine Präsentationen geben können.

Die Gemäldegalerie findet während der Sanierungsarbeiten im Theatermuseum Unterschlupf. Das Palais Lobkowitz glänzt aber nicht mit Weitläufigkeit.

Die Gemäldegalerie für drei Jahre einzumotten: Das kam für uns nicht in Betracht. Bei den Verhandlungen im Ministerium meinte jemand, wir sollten die Bestände nach Japan verleihen. Aus konservatorischen Gründen ist es aber völlig undenkbar, das "Weltgerichtstriptychon" von Hieronymus Bosch drei Jahre auf Reisen zu schicken. Ja, wir werden mit Ausstellungen "on tour" gehen, aber wir wollten, dass die Sammlung in Wien zugänglich bleibt. Sie unterzubringen, war allerdings irrsinnig schwierig. Denn es gibt nicht viele Räume, die von den klimatischen Bedingungen, der Sicherheit und der Art der Räumlichkeit in Frage gekommen sind. In Diskussion war zum Beispiel die seit Jahren geschlossene Sekundärgalerie des KHM. Doch die Räume werden erst jetzt hergerichtet. Eine Möglichkeit wäre auch die Albertina gewesen. Dort wäre aber die Gemäldegalerie der Akademie in der Wahrnehmung untergegangen. Der erste Stock im Palais Lobkowitz ist die beste Lösung und eine Win-Win-Situation für beide Institutionen.

Soll die Akademie überhaupt ein Kunstmuseum betreiben?

Ja. Der Grundbestand wurde von Graf Lamberg-Sprinzenstein als Lehrsammlung gestiftet. Sie wird von den Lehrenden nach wie vor genützt: Die Studierenden arbeiten vor den großen Meistern, es kommen Besucher und Besucherinnen, und die lernen so auch die Akademie kennen. Zudem sind im Hansen-Bau die Räume für die Gemäldegalerie, wie jene für die Bibliothek, genau definiert und ausgestaltet.

Was passiert mit dem Anatomiesaal, der seine Funktion schon vor 100 Jahren verloren hat?

Es stimmt, es werden keine Leichen mehr auf den Marmortisch gelegt, bei dem das Blut abrinnen kann, aber wir bieten nach wie vor anatomisches Zeichnen an – in Kooperation mit der Medizinuni. Es erfreut sich großer Beliebtheit bei den Studierenden.

Ernsthaft?

Ja, die "alten Formate" – wie auch der Abendakt – sind für die Studierenden etwas völlig Neues. Die Studierenden kennen sich mit den digitalen Medien aus, das ist nicht weiter spannend, aber dass da ein Modell steht, das man mit einem Bleistift auf einem Block zeichnet: Das ist etwas Neues. Es gibt derzeit ein wirklich großes Interesse an den traditionellen Techniken. Ich bin daher sehr froh, dass die Akademie in den 90er-Jahren – im Gegensatz zu anderen Kunsthochschulen – die Werkstätten nicht geschlossen hat. Viele Erasmus-Studierende kommen eigens zu uns, weil wir diese Infrastruktur haben. Das Lehrangebot in unseren Werkstätten könnten wir sogar verdreifachen.

Also kommen auch wieder Leichen auf den Seziertisch?

Nein. Dazu müssen die Studierenden ins Anatomische Institut gehen. Wir haben bei der Befundung des Lehrsaals unter der Wandfarbe die Original-Hansen-Fresken entdeckt. Sie werden nun freigelegt, die im Halbkreis angeordneten Sitzbänke werden restauriert, die später verlegten Rohre entfernt – und künftig werden wir den Anatomiesaal vor allem für die Lehre, Vorträge und Veranstaltungen nutzen. Der Saal ist übrigens eines der letzten historischen "Anatomischen Theater" in Europa.

„Celebration Day“ Am 21. Juni wird ab 16 Uhr das 325-Jahr-Jubiläum begangen, das Programm am Schillerplatz bestreiten die Studierenden – mit mobilen Minibar-Performances (16–19 Uhr), Rauminstallationen in der Bibliothek und anderswo, einem Animationsfilmprogramm in der Aula (17–19 Uhr) und einem Höfefest (ab 20 Uhr): Peaches, Masha Dabelka, Electric Indigo, Pomassl etc. Um 16.30 Uhr kann man zudem eine performative Busfahrt unternehmen. Bereits heute, 20. Juni, um 18 Uhr im Semperdepot, Lehargasse: Lecture von Linda Williams