Ein Jahr ohne David Bowie: Feiern und Trauern

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Foto: AP/Matt Dunham Das Wandbild von David Bowie in Brixton wurde zur Pilgerstätte für trauernde Fans.

Heute vor einem Jahr starb der Künstler. Rund um den Jahrestag spielt seine Band wenige Konzerte.

"David hat das Leben von jedem einzelnen von uns viel mehr berührt, als er je gewusst hat!"

Mit diesen Worten leitete Bowie-Pianist Mike Garson Sonntag in der Brixton Academy in London die Zugaben eines Gedenk-Konzertes ein, das an die vor einem Jahr verstorbene Rock-Ikone erinnern wollte. Es war die erste Show der Reihe "Celebrating David Bowie", bei der Musiker von Bowies Band mit Gastsängern seine Songs feiern. Und der Tour-Auftakt hat Symbol-Charakter: Heute, an Bowies Todestag, tritt das Ensemble in New York auf, wo der Star zuletzt gelebt hat und gestorben ist.

Die London-Show war an jenem Tag, an dem der Ausnahmekünstler seinen 70. Geburtstag gefeiert hätte. Hier in Brixton wurde Bowie am 8. Jänner 1947 geboren, sein Geburtshaus ist nur ein paar Häuserblocks von der Academy entfernt. Genauso wie das Wandgemälde das seit seinem Ableben als Gedenkstätte fungiert. Jeder, der zum Konzert in der Academy geht, schaut auch dort vorbei, bringt Kerzen und Blumen, macht Selfies – leise, feierlich, in stiller Trauer.

Das Leben feiern

Ganz anders die Stimmung beim Konzert in der Academy. Hier wird auf Party gesetzt, immer wieder betont, dass es nicht um ein Gedenken an Bowies Tod geht, sondern um das Feiern seines Lebens und seiner Kunst. Vielleicht gibt es deshalb keinerlei Sentimentalitäten, keine Videoeinspielungen von Bowie, nicht einmal ein einziges eingeblendetes Foto. Eigenartig ist das trotzdem.

Genau wie die Wahl der Sänger: Bowie-Freunde wie Brian Eno, Iggy Pop oder Pete Townshend fehlen. Gary Oldman, der Initiator der Benefiz-Konzertserie, singt ein wenig. Dazu kommen Sting-Sohn Joe Sumner und Simon Le Bon von Duran Duran, die aber kaum je etwas mit Bowie zu tun hatten. Bernard Fowler, der Backing-Sänger der Rolling Stones, übernimmt "Rebel Rebel" und "Heroes", Tony Hadley von Spandau Ballet "Changes", Joe Elliott von Def Leppard "All The Young Dudes". Drei Stunden lang bringen sie einen Bowie-Hit nach dem anderen, zeigen, wie viele grandiose Songs uns dieser Musiker hinterlassen hat.

FILES-FRANCE-MUSIC-BOWIE Foto: APA/AFP/BERTRAND GUAY David Bowie mit Bassistin Gail Ann Dorsey Den meisten Applaus bekommen aber die Musiker von Bowies Band, wenn sie ans Mikrofon treten. Die wunderbare Bassistin Gail Ann Dorsey, die jedes Mal wieder für Gänsehaut gesorgt hatte, wenn sie mit Bowie "Under Pressure" im Duett sang. Oder Gitarrist Adrian Belew. Er spielt auf der Gitarre das Klavier-Intro von "Life On Mars?". Was dann kommt, ist bezeichnend für das Dilemma dieser Show (und jeder anderen, die je Ähnliches probieren wird): Das ganze Auditorium steigt beim Refrain mit dem Gesang ein, macht Keane-Frontmann Tom Chaplin als Sänger überflüssig. Und es ist gerade deshalb der bewegendste Moment.

Glücklich

Es ist verständlich: In der Band sind Musiker, die Bowie über Jahrzehnte begleitet haben. Im Publikum sind 6000 Fans, die über dieselben Jahrzehnte Dutzende Konzerte von Bowie gesehen haben, manche Hunderte. Denn auch wenn Bowie selbst sagte, dass er im Tonstudio beim kreativen Prozess immer glücklicher war, als auf der Bühne: Er war nicht nur innovativer Künstler und genialer Songwriter, sondern auch ein herausragender Performer. Immer kam man ein Stückchen größer, leichter und fröhlicher aus seinen Konzerten. Und nicht selten mit dem Gefühl, zu schweben.

Gary Oldman Foto: Joel Ryan/Invision/AP Schauspieler und Bowie-Freund Gary Oldman initiierte die Konzerte All das hat über die Jahre Bandmitglieder und Fans zu einer Gemeinschaft zusammengeschweißt, die schon mit Bowies Abschied vom Tourneeleben nach einem Herzinfarkt 2004 zerfallen ist. Trotzdem muss jeder andere Sänger in dieser Szenerie zwangsläufig wie ein Fremdkörper wirken. Vielleicht wäre es deshalb besser gewesen, dieses Tribute-Konzert, das die Gemeinschaft für ein letztes Mal zusammenbrachte, ganz in der "Familie" zu halten und nur die Bandmitglieder singen zu lassen.

Es wird ja ohnehin nichts und niemand Bowie je als Interpret seiner eigenen Song ersetzen können. Denn selten hatten die eine klare Aussage. Man konnte sie mehr spüren als verstehen. Ihr Wert lag in den tiefen Emotionen, die Bowie mit den lyrischen Texten transportierte. Nur er hat sie erlebt und gelebt, konnte seine Songs deshalb beim Singen auch beleben. Alle anderen können interpretieren. Sie werden vielleicht ein passable Form für diese Lieder finden, nicht aber den Zauber in ihnen.

Bowie Tribute Berlin… Foto: /Brigitte Schokarth Die Setlist von London: Drei Stunden lang Hits Heute vor einem Jahr ist David Bowie in New York verstorben. Er hinterlässt einen Kosmos von Musik und Kreativität, der so vielen Menschen so viel gegeben hat. Ja, vermutlich würde er – wie Mike Garson andeutete – sagen: "Habt Spaß damit!"

Aber bis die Bowie-Gemeinschaft das ohne Bowie kann, braucht es mehr Zeit als ein Jahr. Dieser Musiker hat unser Leben viel mehr berührt, als er je gewusst hat. Wohl auch viel mehr, als wir selbst es je gewusst haben.

(kurier) Erstellt am
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