Kultur
07.12.2011

Ein fliehendes Pferd - Von Martin Walser

Es war eigentlich eine "rasch wegzischende Sommerarbeit", die Walser in zwei Wochen herunterschrieb. Der Erfolg dieser Novelle war ungeahnt groß.

Johann Wolfgang von Goethe, selbst ein Meister der Novelle, definierte diese Gattung als künstlerische Wiedergabe einer "unerhörten Begebenheit". Auch Martin Walsers 1978 erschienener Text trägt die Bezeichnung "Novelle". Die dort beschriebene unerhörte Begebenheit, sicher ironisch gebrochen, ist das Aufeinandertreffen zweier Schulfreunde nach 23 Jahren. Auf der einen Seite Helmut Halm, 46-jährig und Lehrer, früherer Spitzname Ha-Ha. Seit elf Jahren sommerurlauben er und seine Frau Sabine immer in der selben Pension am Bodensee. Helmut lebt zurückgezogen, ist passiv, träge und genießt das erstarrte Arrangement mit seiner Frau - er will seine Ruhe haben. Beim Kaffeetrinken treffen sie auf sein Gegenteil: Den extrovertierten Klaus Buch, sportlich, erfolgreich, selbstsicher und liiert mit der wesentlich jüngeren Helene, Hel genannt. Er stellt sich als Abenteurer dar, der schon die ganze Welt bereiste, arbeitet als Journalist und freut sich unbändig, seinen alten Freund Ha-Ha wiederzusehen.
Helmut Halm freut sich nicht.
Im Gegenteil: Immer verzweifelter versucht er, dieses Gespenst aus der Vergangenheit loszuwerden, immer stärker frisst ihn der Neid auf. Gleichzeitig fühlt er sich zu Hel hingezogen, ohne sich an sie heranzutrauen.

Einen ersten Höhepunkt erreicht die Novelle, als ein durchgehendes Pferd ihren Weg kreuzt. Helmut flüchtet, Klaus schafft es, sich dem Tier zu nähern, es müde zu reiten und zu beruhigen. "Einem fliehenden Pferd" erklärt Klaus später Helmut, Sabine und Hel, "kannst du dich nicht in den Weg stellen. Es muss das Gefühl haben, sein Weg bleibt frei." Nicht nur der Leser überträgt diese Allegorie auf den Protagonisten, auch Ha-Ha ahnt, dass sich etwas ändern muss.
Die Situation eskaliert schließlich, als Klaus Helmut zu einem Segeltörn einlädt und sie in einen Sturm geraten. Während Klaus die Böen reitet wie das fliehende Pferd, gerät Helmut in Panik. Er stößt die Ruderpinne aus der Hand seines ehemaligen Schulfreundes, der in den tiefen Bodensee stürzt. Im Glauben, Buch sei ertrunken, kehrt er zu den beiden Frauen zurück. Helene erzählt den beiden Halms von einer gänzlich anderen Seite der Persönlichkeit des so optimistisch wirkenden Klaus ...

Martin Walsers "Ein fliehendes Pferd" war der erste große Erfolg des in Wasserburg am Bodensee geborenen und aufgewachsenen Autors. Als Fingerübung und Ablenkung von seinem Romanprojekt "Seelenarbeit" gedacht, schrieb er die Novelle in zwei Wochen herunter - Walser selbst nannte den Text eine "rasch wegzischende Sommerarbeit". Gerne kolportiert wird die begeisterte Antwort von Walsers damaligem Verleger Siegfried Unseld auf die Einsendung des Manuskripts: "Ich gratuliere dir und mir und uns." Unseld sollte recht behalten: "Ein fliehendes Pferd" entwickelte sich nicht nur zu einem Liebling von Publikum und Kritikern (Reich-Ranicki, der an dem zuvor erschienenen Roman Walsers noch heftige Kritik geübt hatte, nannte die Novelle "ein Glanzstück deutscher Prosa"), sondern auch zu einem für Autor und Verlag finanziell erfolgreichen Longseller, von dem weit über eine Million Exemplare verkauft wurden. So hat es Walser nicht zuletzt dieser literarischen Lockerungsübung zu verdanken, dass er sich stärker auf sein Schreiben fokussieren konnte. Bis heute veröffentlichte er mehr als zwanzig Romane. Erst vergangenes Jahr erschienen weitere Tagebücher (Leben und Schreiben 1974 bis 1978) des 84-jährigen Autors, der nach wie vor am Bodensee lebt.