Kultur
18.01.2018

"Downsizing": Kleiner Mann, was nun?

Alexander Payne ("Sideways") schrumpft Matt Damon und Christoph Waltz.

Wenn man Menschen aus Omaha, Nebraska im Kino zu sehen bekommt, dann meistens, weil sie in einem Film von Alexander Payne auftreten. Auch in seiner gedämpften Schrumpf-Tragikomödie "Downsizing" bleibt der Regisseur mit den griechischen Wurzeln seiner Geburtsstadt treu: Dort, in Omaha, Nebraska lebt Matt Damon als Physiotherapeut namens Paul Safranek und führt ein bescheidenes Leben. Seine Aussicht auf Karriere ist Null – als er plötzlich von der fantastischen "Downsizing"-Methode erfährt: Menschen werden auf sagenhafte 13 Zentimeter verkleinert, können dadurch ihren ökologischen Fußabdruck radikal verkleinern – und darüber hinaus richtig reich werden.

Wer die Schrumpfkur antritt, muss nur ein paar Unannehmlichkeiten wie Komplettrasur (inklusive Augenbrauen), Zahnplomben-Entfernung und Darmentleerung über sich ergehen lassen. Dann wird verkleinert. Wenn alles vorüber ist, liegt er groß wie ein frisch gebackenes Keks auf dem Teller, wird mit dem Tortenheber vorsichtig umgelagert und dann auf einem Servierwagerl in sein neues Leben geliefert.

Schlitzohriger Serbe

Payne hält sich mit der Witzabschöpfung rund um Größenunterschiede zurück, produziert aber durchwegs komische Bilder, etwa, wenn Matt Damon und Christoph Waltz gemeinsam eine einzelne Rosenblüte schleppen als wäre sie ein schwerer Wäschekorb. Waltz hat sich ebenfalls schrumpfen lassen und seine unverkennbare Waltz-Stimme um einem osteuropäischen Zungenschlag bereichert: Er spielt einen schlitzohrigen Serben und betreibt in "Leisureland", wo Paul Safranek seine neue Miniatur-Heimat gefunden hat, lukrativen Schwarzhandel.

Die Herausforderung von "Downsizing" liegt in einer gewissen Formlosigkeit, die mit einem wechselnden Tonfall einhergeht. Payne ist nie nur lustig, sondern unterfüttert noch seine witzigsten Momente mit einem Realismuseffekt, der Ernsthaftigkeit nach sich zieht. Die Zügel seiner Komödie lassen zunehmend locker, die düsteren Aspekte drängen nach.

Die "Downsizing"-Methode war ursprünglich erfunden worden, um eine drohende Umweltkatastrophe abzuwenden. Außerdem beginnen sich auch in "Leisureland" die Klassenunterschiede und Flüchtlingsprobleme der "großen Welt" zu wiederholen. Was als smarte Komödie mit dunklem Untergrund beginnt, verwandelt sich zunehmend in eine bittere Vision von Öko-Horror und Survival-Elite. Diese tonalen Verschiebungen hat man Alexander Payne vorgeworfen. Und es stimmt: Am Ende ist einem das Lachen vergangen. Trotzdem wurde man bis zuletzt wahrhaftig unterhalten.

INFO: USA 2017. 135 Min. Von Alexander Payne. Mit Matt Damon, Christoph Waltz.

KURIER-Wertung:

Sex-Therapie mit dem Zwillingsbruder

Man findet ihn heute nur noch selten, den Erotikthriller, doch François Ozon hat ein rares Genre aufleben lassen. Wo sich die Amerikaner mit "Fifty Shades of Grey" erregen, macht der Franzose zwischen Zwillingshorror und Sex-Therapie am Rande der Gewaltgrenze genüsslich Ernst. Brian De Palma stand eindeutig Pate in einem an visuellen Doppelungen interessierten, elegant-kühlen Psycho-Drama mit kaum verhehltem Hang zum B-Movie.

Die direkte Verbindung zwischen Geschlecht und Auge – oder Sex und Voyeurismus – behauptet Ozon gleich in seiner zweiten Szene: Bevor wir noch bis drei zählen können, ertappen wir uns dabei, wie wir mit dem Auge der Gynäkologin in eine Vagina hinein schauen. Ein milder Schockeffekt beim Blick in das Innere einer jungen Frau, deren Äußeres sich bald in vielen Spiegelbildern zu brechen beginnt. Die 25-jährige Chloé leidet an Bauchschmerzen – eine Beschwerde, die psychosomatisch motiviert scheint.

Sie wird zuerst die Patientin, dann die Geliebte eines feschen Psychiaters – doch die Krämpfe wollen trotzdem nicht aufhören, zumal sich Chloé einbildet, dass ihr Freund ein düsteres Geheimnis vor ihr verborgen hält.

Ozon ließ sich lose von dem Roman "Der Andere" von Joyce Carol Oates inspirieren und treibt seine schöne Protagonistin in die Arme des Zwillingsbruders ihres Freundes. Beide Brüder – der eine lieb und zärtlich, der andere arrogant und scharf im Bett – verschmelzen sich in der Fantasie der jungen Frau zum erotischen Krimi.

Ozon hält die Spannung zwischen moderner Beziehungskrise, sexueller Eskapade und plakativem Psycho-Horror zügig über weite Strecken attraktiv. Doch wenn sich die Geheimnisse dann zu lösen beginnen und Erklärungen finden, stellt sich enttäuschende Erschlaffung ein.

INFO: F/BL 2017. 104 Min. Von François Ozon. Mit Marine Vacth, Jérémie Renier.

KURIER-Wertung:

Neustart in der Wüste

Von dem langweiligen deutschen Verleihtitel sollte man sich nicht abschrecken lassen: „Die Braut der Wüste“, wie es im spanischen Original lauten würde, driftet als kleines, feines Roadmovie durch eine karge argentinische Landschaft. Hinter das Steuer haben die Regisseurinnen Cecilia Atán und Valeria Pivato zwei eher untypische Protagonisten gesetzt.

Die Haushälterin Teresa muss nach jahrzehntelangen treuen Diensten im Hause einer wohlhabenden Familie in Buenos Aires den Job wechseln. Die Herrschaft kann sich ihre Angestellte nicht mehr leisten, entfernte Verwandte ein paar hundert Kilometer weiter im Norden des Landes nehmen sie auf. Während der mühseligen Reise durch die argentinische Wüste vergisst Teresa ihre Tasche im Wohnwagen eines Straßenhändlers. Um diese zurück zu bekommen, tingelt sie mit ihm alle seine Verkaufsstationen ab.

Die unglaublich wandlungsfähige Paulina Garcia (bekannt aus „Gloria“) spielt ihr ältliches Hausmädchen zuerst in mausiger Bescheidenheit. Zarte Rückblenden erzählen über ihre kleinen Freuden als stille Hand in einer Familie, die letztlich nie ihre eigene wurde. Doch die Fahrt durch die weite Natur erhellt zunehmend ihr angestrengtes Gesicht, die aufkeimende Freundschaft mit dem Straßenhändler erzeugt befreifende Jugendlichkeit. Unaufgeregt erzählen die Regisseurinnen ihre kleine Geschichte über große Gefühle.

INFO: Argentinien/Chile 2017. 78 Min. Von Cecilia Atán und Valeria Pivato. Mit Paulina Garcia, Claudio Rissi.

KURIER-Wertung:

Der Filmregisseur als Kiebitz in der Pariser Oper

Aus einer Oper – einem Ort also, in dem Menschen einander ansingen statt miteinander zu reden – machte sich Jean-Stéphane Bron, der Regisseur dieser Doku, gar nichts. Bis er dann doch eines Tages in die Oper ging. Zum ersten Mal. Aus Neugier.

Beste Voraussetzungen für einen Dokumentarfilm, der auch einem Publikum gefallen soll, das nicht – oder noch nicht – von Opern begeistert ist.

Mit seiner Handkamera gerierte sich der Filmregisseur als Kiebitz und schaute den "Machern" vor und hinter den Kulissen der Pariser Oper über die Schulter: Philippe Jordan, dem künftigen Musikdirektor der Wiener Staatsoper, Stéphane Lissner, dem Intendanten der Pariser Opernhäuser Bastille und Garnier – und dem Ballettmeister Benjamin Millepied. Die Einblicke und Perspektiven auf die Opernwelt, die der Film ermöglicht, zeugen vom Einfluss des US-Altmeisters Frederick Wiseman.

Als Zuschauer kann man teilhaben am emotionalen Hochdruck der Künstler vor ihrem Bühnenauftritt.

Dann endet der Film.

Zunächst ist man frustriert, dass einem quasi der Zugang zur Bühne verwehrt wird – bis man der Sogwirkung dieser Erzählform erliegt. Eine Liebeserklärung an die Oper, mit viel Humor und Wärme und ohne Kniefall vor der "Hochkultur".

Text: Gabriele Flossmann

INFO: CH/F 2017. 110 Min. Von Jean-Stéphane Bron. Mit Philippe Jordan, Benjamin Millepied