"Don Carlo": Ein krönender Abschluss

Fotoprobe Don Carlo
Foto: ap Das berühmte Autodafé in Verdis "Don Carlo", szenisch ziemlich statisch und banal: Die Regie stammt von Claudio Abbados Sohn Daniele, das Bühnenbild von Angelo Linzalata

Wiener Staatsoper: Die letzte Saisonpremiere, Verdis "Don Carlo", wurde zum Erfolg. Dank Dirigent Welser-Möst und erstklassiger Sänger.

Er sei ein pünktlicher Mensch und würde niemals freiwillig eine Aufführung wegen eines Fußball-Spieles später beginnen, sagte Franz Welser-Möst kürzlich im KURIER-Interview.
Es war jedoch kein Match, das ihn diesmal dazu zwang, sondern ein Umzug besonderer Art: Wegen der exakt zur geplanten Beginnzeit von Verdis "Don Carlo" vor der Staatsoper vorbeiziehenden Regenbogen-Parade musste zehn Minuten lang auf verspätete Besucher gewartet werden.
Im Haus am Ring hörte man dann erfreulicherweise nichts von der besonders Rhythmus- und Lautstärken-orientierten Veranstaltung davor. Das war einst, als Fußballfans ausgerechnet vor der Staatsoper den Meistertitel von Rapid gefeiert hatten, noch anders.

Meisterstück

Welser-Möst sagte aber auch, dass es im Moment besonders schwierig sei, exzellente Verdi-Sänger zu finden. Er hat das Kunststück zuwege gebracht. Beginnen wir mit Kras­simira Stoyanova, die erstmals die Partie der Elisabeth gab: Ihr Sopran ist klar, präzise in der Höhe, ausdrucksstark, durchaus fähig zu dramatischen Ausbrüchen – mit dieser Rollengestaltung bewies die bescheidene Künstlerin ein weiteres Mal, dass sie sängerisch zur Weltklasse gehört.

Eric Halfvarson, der Großinquisitor, verdient dieses Attribut ebenso. Mehr noch: Es gibt zurzeit wohl keinen Bass, der die Rolle dieses machtgierigen Gottesmannes intensiver umzusetzen vermag. Ein Priester, der so böse ist wie ein Hagen – das kann nur Halfvarsson so meisterlich vermitteln.
René Pape, der Philipp der neuen Produktion, ist ebenfalls ein Glücksfall. Seine große Arie singt er zutiefst berührend, manches andere vielleicht eine Spur zu wenig italienisch, zu deutsch. Insgesamt ist er ein würdiger Nachfolger der großen Interpreten dieser Traumpartie.
Simon Keenlyside besticht als Marquis von Posa mit noblem Timbre, feinen Kantilenen und einer umwerfenden Todesszene. Der euphorische Applaus für ihn war eine späte Genugtuung für die völlig verpatzte "Macbeth"-Premiere – seine letzte große Verdi-Rolle in Wien.
Luciana D’Intino, die einzige Italienerin, bringt die Intrigantin Eboli mit ihrem bewährten, großen Mezzosopran stimmlich fabelhaft auf die Bühne.

APA/ROLAND SCHLAGERAPA8218964 - 12062012 - WIEN - ÖSTERREICH: Ramon Vargas in der Rolle des Don Carlo am Dienstag, uni 2012, w12, während einer Probe der Oper "Donlo" m4; m 16ni an der Wiener Ster Staatsoper Premiere hae hat. APA-FOTO: ROLAND SCHLAGER Foto: APA/ROLAND SCHLAGER Ramón Vargas als Don Carlo: tapfer bis zum Finale

Und Ramón Vargas, der in Wien schon die Premiere der französischen Version gesungen hatte, hält bei seinem Wiener Debüt als Carlo in der vieraktigen Fassung bis zum Finale durch und hat viel Italianità in seiner lyrischen Stimme. Eigentlich bräuchte man für diese Partie einen heldischeren Tenor. Das akustisch ideale Bühnenbild lässt aber selbst kleinere Stimmen bestens zur Geltung kommen. Alle Nebenrollen sind gut besetzt, auch der Chor klingt präzise und mächtig.

Dass der Abend zum musikalischen Fest wird, ist auch das Resultat der Symbiose zwischen dem Generalmusikdirektor und dem grandiosen Orchester. Welser-Möst dirigiert "Don Carlo", eine seiner drei Lieblingsopern, mit viel Emotion, einem Bekenntnis zu dramatischen Klanggebilden, zu Intensität und Farbenpracht, dennoch mit klaren Strukturen und zarten, kammermusikalischen Momenten. Eine solche Balance zwischen Gefühl und Intellekt, zwischen Bauch und Kopf, erlebt man selten.

Stückwerk

Die optische Umsetzung in der schwarzen Bühnenschachtel, die sich in alle Richtungen bewegen kann, ist sehr ästhetisch und repertoiretauglich. Die Inszenierung von Daniele Abbado stört keinen Moment – das ist jedoch für eine Premiere zu wenig. Es mangelt an Personenführung, an plausibler Entwicklung der Geschichte. Diese Regie ist Stückwerk ohne viel Substanz, keine Interpretation.

Warum Carlo und Elisabeth einander lieben? Hier versteht man es nicht. Warum Elisabeth aus Staatsräson verzichtet? Diesmal nicht klar. Wie verzweifelt Philipp II. ist, als er bemerkt, dass ihm nicht nur sein Sohn abhanden kommt, sondern auch die Liebe seiner Frau nie existierte? Man kann es nur erahnen. Und die Hin- und Hergerissenheit des Posa ist szenisch kein Thema.

Man kann bei "Don Carlo" Vieles erzählen – von der politischen Rahmenhandlung bis zu menschlichen Tragödien. Aber man muss sich für irgendetwas, wahrscheinlich auch für eine zentrale Figur entscheiden. Hier ist im Einheitsbühnenbild alles eins.

Fazit: Toll dirigiert, fabelhaft gesungen

Das Werk: Giuseppe Verdis "Don Carlo" in der italienischen Fassung, 1884 an der Mailänder Scala uraufgeführt.

Der Dirigent: Franz Welser-Möst schafft eine feine Balance zwischen Emotion und klarer Struktur. Eine Topleistung!

Die Sänger: Eine großteils exzellente Besetzung.

Die Regie: Schön anzuschauen, aber nicht sehr substanziell.

KURIER-Wertung: **** von *****

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(kurier) Erstellt am
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