documenta-Chef Szymczyk: "Eine Schwarze Null ist ein trauriges Bild"

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Foto: APA/AFP/RONNY HARTMANN Adam Szymczyk, Chefkurator der documenta 14, verantwortet die "Verdopplung" der Kunstschau

Kurator Adam Szymczyk äußerte sich in Wien erstmals nach Ende der Weltkunstschau öffentlich zu finanziellen und inhaltlichen Fragen.

So redselig kannte man ihn gar nicht: Am Dienstagabend war Adam Szymczyk, der zuletzt heftig kritisierte Chefkurator der kürzlich zu Ende gegangenen „Weltkunstschau“ documenta14, zu einem Podiumsgespräch im Wiener Kunst- und Debattierzentrum Depot geladen. Vor dem überwiegend aus Fachkreisen stammenden Publikum nahm sich der gebürtige Pole, dem das Image des weltabgewandten Kunst-Asketen anhaftet, ausführlich Zeit, sein Ausstellungskonzept zu erläutern und sich auch zu den zuletzt in die Schlagzeilen gekommenen Vorwürfen der Misswirtschaft zu äußern.

Picture shows "Temple of books" art project by Min Foto: REUTERS/KAI PFAFFENBACH 5,4 Millionen Euro Defizit verbuchte die documenta14 – ein Finanzloch, das weitgehend darauf zurückzuführen ist, dass die Schau erstmals „gleichberechtigt“ in Athen und in  Kassel ausgetragen wurde. Auf die KURIER-Frage, ob dieser negative Nachhall nicht das Anliegen untergrabe, dem durch die Schuldenkrise angespannten Verhältnis zwischen Deutschland und Griechenland alternative Beziehungsmodelle entgegenzusetzen,  antwortete Szymczyk  abwehrend: Die von der Stadt Kassel und dem Land Hessen übernommenen Bürgschaften seien nicht mit  einem „Rettungsschirm“ zu vergleichen, sondern eine logische Reaktion gewesen, die Liquidität des Unternehmens zu sichern. „Es gab zu keinem Punkt einen Verlust der Liquidität“, so Szymczyk. Und: "Es könnte auch eine  documenta geben, die einen Überschuss produziert.“

"Mehr Farbe in der Diskussion"

Generell, so Szymczyk, sei Kultur kein „stabiles Ding“, das ständig auf eine „Schwarze Null“ hinauslaufe: „Eigentlich ist so eine Schwarze Null ein ziemlich trauriges Bild. Ein großes kulturelles Unternehmen sollte andere Farben in die Diskussion einbringen.“

Nichtsdestotrotz hat das Defizit eine Debatte über die Zukunft der documenta angestoßen, deren  Finanzierung zum überwiegenden Teil auf den Schultern regionaler Politik im Land Hessen und der Stadt Kassel ruht. An der Diskussion würde er sich „gerne beteiligen“, sagte Szymczyk: „Ich würde nicht empfehlen, eine schnelle Entscheidung zu treffen und der documenta von oben herab eine Reform zu verordnen." Die gegenwärtige finanzielle Situation wolle er nicht nur als „Schaden an einem nationalen Kulturgut“ verstanden wissen, sondern auch als Anstoß zu einer Debatte, „wie eine solche Institution in einer Art funktionieren kann, die stärker auf den jeweiligen Kontext reagiert“.

Was dies abseits des Ideals unbeschränkter Finanzmittel bedeuten könnte, blieb freilich offen – dass die documenta stärker an die Kulturpolitik des Bundes andocken könnte, ist einer der Vorschläge, der auch von documenta14-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff geäußert wurde.

Szymczyk versus Szeemann

Über weite Teile des Abends dominierten jedoch inhaltliche Fragen das Gespräch. Hier ließ Szymczyk klar durchblicken, dass er seine Herangehensweise zur Ausstellungsgestaltung in klarem Gegensatz zu jener von Harald Szeemann sieht – jenem Mann, der mit seiner documenta 5 (1972) Kunstgeschichte schrieb und den Beruf des modernen Kurators gewissermaßen erfand.

Das Prinzip des zentralistisch dirigierenden Ausstellungsmachers ist Szymczyk aber fremd, eine „kuratorische Handschrift“, betonte  er, sollte bei seiner Kunstschau bewusst ausgelöscht werden. Er kokettiere eher mit dem Prinzip der kollektiven Improvisation, wie es der US-Musiker Butch Morris einführte: Dabei gibt ein Dirigent Zeichen, deren Bedeutung den Musikern zwar klar ist, die Auslegung liegt aber bei ihnen. So kam es bei  den Ausstellungen zu einem vielstimmigen – und oft schwer nachvollziehbaren – Nebeneinander von Ideen und Kunstwerken. Das beliebteste Werk der documenta – der Nachbau des Parthenons am Friedrichsplatz  - sei bewusst als „Blitzableiter“ gedacht gewesen: „Das Gebäude wirkte sehr direkt – der Rest der Ausstellung tat das nicht.“

Die überwiegend negative Reaktion der Presse auf die documenta14 erkärte sich Szymczyk damit, dass Kritikerinnen und Kritiker mit „vorgefassten Kriterien“ auf die Ausstellung zugegangen seien: „Ich war überrascht, wie wenig sich die Kritik für etwas Unbekanntes öffnete und nur danach urteilte, wo ihre Kriterien erfüllt wurden oder nicht“, sagte er. Wenn er nochmal zurück an den Start könnte, würde er selbst an seinem Konzept „nur wenig“ ändern: „Es war ein gültiger Versuch, sich mit der politischen und ökonomischen Situation unserer Zeit auseinanderzusetzen. Und es war eine unbequeme Veranstaltung für Menschen in Machtpositionen. Ich sehe die Reaktionen der Presse auch als Symptom dafür“.

(KURIER) Erstellt am
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