Kultur
17.11.2017

Dieter Meier von Yello: Hits und Uhren – alles nur zugeflogen

Der Yello-Sänger spricht über das Wien-Konzert am 6. Dezember, Wiener Aktionisten und seine Schokolade.

Er ist Konzeptkünstler, Experimentalfilmemacher, Zeichner, Bildhauer, Fotograf und Poet. Nebenbei ist Dieter Meier auch ein umtriebiger Unternehmer, der Rinder züchtete, Wein anbaut, Restaurants betreibt und Uhren designt.

Bekannt aber wurde der Schweizer mit dem Elektronik-Duo Yello, das Ende der 70er-Jahre gegründet wurde und Hits wie "The Race" und "Bostich" hatte. Nachdem Meier und sein Partner Boris Blank vorigen Herbst das erste Mal Konzerte gespielt haben, gehen sie jetzt auf Tour, kommen am 6. Dezember in die Wiener Stadthalle. Im Interview mit dem KURIER erzählt Meier, warum die Yello-Fans 37 Jahre auf ein Live-Erlebnis warten mussten.

KURIER: Ist es richtig, dass Boris Blank, der bei Yello für die Sounds zuständig ist, derjenig war, der nie live auftreten wollte?

Dieter Meier: Ich habe immer wieder Vorschläge gemacht, wie wir live spielen könnten. Aber Boris hat sich das aus rationalen und irrationalen Gründen nicht zugetraut. Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass wir nie auf Tour gehen, und plötzlich kam es zustande. Boris hat nämlich eine App namens "Yellofier" erfunden. Das ist wie eine Samplingmaschine, ein kleines Tonstudio für die Tasche. Damit kann man Geräusche aufnehmen und hat innerhalb einer Minute einen Song. Damit sah er Chancen, den computergenerierten Yello-Sound auf die Bühne zu bringen. Und die ersten Konzerte waren ... na gut, das allererste ging in die Hosen, da hatten wir ganz schlechte Kritiken.

Das war im Oktober 2016 in Berlin, wo Sie vier Mal aufgetreten sind. Was ging da schief?

Der Veranstalter hatte im ersten Stock Würste und Bouletten gebraten, und die ganze Bude hat gestunken wie ein Döner-Lokal. Außerdem war alles bestuhlt, da kam keine Stimmung auf. Und Boris wurde plötzlich unsicher, ob wir die Stücke mit dem Yellofier, die unplugged und ungeprobt sind, machen sollten. Er sagte, das geht in die Hose. Bei späteren Konzerten haben wir es gemacht, und zum Teil ging es im ersten Anlauf auch in die Hosen. Aber gerade das hat den Leuten Spaß gemacht. Denn sie haben gesehen, diese Jungs haben Freude daran, auf der Bühne etwas zu kreieren. Alle anderen Konzerte – zum Beispiel auch das beim Jazzfest in Montreux – waren pure Euphorie. Nur bleiben die Kritiken vom ersten Konzert halt leider ewig im Netz. Aber ich habe volles Verständnis für diese miserablen Kritiken, das waren riesige Fehler – auf unserer und der Veranstalterseite.

Sie sagten, Boris hatte auch irrationale Gründe, nicht auftreten zu wollen. Hängen die mit den Pannen bei einem kurzen Showcase in New York in den 90ern zusammen?

Nein, da ist ja nur der Strom und das Licht ausgefallen. Aber am nächsten Tag haben wir es noch einmal gemacht und da hat es wunderbar geklappt. Es ist für jeden eine Überwindung, sich das erste Mal auf die Bühne zu stellen. Boris hat darüber halt Bühnenangst entwickelt. Außerdem sind Tourneen anstrengend, und seine Einstellung war: Warum soll ich mir das antun? Denn wir haben genug CDs verkauft. Wir müssen das nicht machen, um Geld zu verdienen.

Wie hat Boris die Angst überwunden?

Er hat seine Yellofier-App wiederholt vor vielen Hundert Leuten auf der Bühne präsentiert. Dabei hat es ihm großen Spaß gemacht, zu sehen, wie viel Freude er ihnen mit seiner "Instant Music" machen kann.

Sie haben als junger Jurastudent Mitte der 60er-Jahre für ein halbes Jahr in Wien gelebt. Wie ist es, hierher zurückzukommen?

Ich bin ja sowieso mindestens einmal im Jahr in Wien. Ich habe dort viele Freunde – Hubertus von Hohenlohe, oder Herbert Lachmayer, ein Professor für Kunst. Und Marianne, die Wirtin der Loos Bar mit ihrem guten Schmäh. Wien atmet für mich immer noch den Geist der Hochkultur der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert, als es trotz eines höchst reaktionären Regimes die Kulturhauptstadt Europas war. Von der Psychiatrie über die Schriftstellerei, Architektur, Design bis zur Musik – Wien hat damals die Moderne eingeläutet.

Waren die Wiener Aktionisten ein Vorbild?

Nein, ich selbst habe ja immer ganz stille Konzeptsachen gemacht. Ich war nie ein Freund von Otto Mühl. Der war für mich als Künstler ein drittklassiger Epigone, und ich sah ihn damals schon als zynischen Menschenschinder. Was sich dann ja mit dieser unsäglichen Kommune gezeigt hat, wo er Kinder vergewaltigt hat und dafür für zehn Jahre in den Knast kam. Schwarzkogler – der ist eine viel zu tragische Figur. Dieses Zur-Schau-Stellen der eigenen Schmerzfähigkeit ist nicht mein Ding. Nitsch fand ich in den Anfängen gut – aber nicht mehr die endlose Wiederholung der Schlachtfeste. Aber Günter Brus, der bei der Uniferkelei dabei war, ist danach ein ganz besonderer Zeichner und Künstler geworden.

Sie sagten mir mal, dass sich Ihre Aktionen um die Frage nach der Zeit, die wir auf der Erde verbringen, drehen. Welche Aktion hat Sie am ehesten einer Antwort nähergebracht?

Das war, als ich mich in Zürich auf einen Platz gesetzt habe und 100.000 Metallplättchen in Tüten zu 1000 Stück abgezählt habe. Das war so unbedeutend, leer und unsinnig. Die Aktion lässt sich durch nichts anderes rechtfertigen, als durch meinen bloßen Willen, etwas zu tun, was sich im utilitaristischen Sinne des Spätkapitalismus nicht verwerten lässt. Das war das absolute Nichts und weit weg von jeder normalen Sinnstiftung auf dieser Welt – von denen aber genau betrachtet die meisten verlogen sind.

Wie sind Sie darauf gekommen?

Das wissen nur die Götter. So etwas fliegt mit genauso zu wie die Yello-Texte. Wenn mich jemand fragt, ob ich auf etwas stolz bin, sage ich deshalb aus vollem Herzen: Nein! Denn von Aktionskunst bis Uhrenfabriken – das ist mir alles durch Gene und das Glück, dahin geschmissen zu werden, wo meine Eltern sind, zugeflogen.

Ihr jüngstes Unternehmen ist Schokolade ...

Auch das ist mir zugeflogen. Mein Partner ist Dr. Tilo Hühn. Er hat sechs Jahre geforscht, um das Kaltverfahren auf einen Standard für großindustrielle Nutzung zu bringen. Durch diese radikal andere Herstellung hat unsere Schokolade vier Mal weniger Zucker und mehr Aroma, denn sie ist bis zu 80, 90 Prozent kakaohaltig, ohne bitter zu sein. Da ist einfach kein Platz mehr für Zucker. Die Industrie hat Hühni nicht zugetraut, das zu schaffen, niemand wollte das finanzieren. Zufällig ist er auf mich gestoßen, und wir haben jetzt eine erste kleine Fabrik und planen eine größere. Und wir reden mit allen großen Schokoladenherstellern der Welt. Denn alle, die davor zu Hühni gesagt haben ,Das klappt nie!‘ sind jetzt gierig darauf. Und sie fragen sich, wie sie mit diesem eigenartigen Vogel, der von Yello aus in die Schokoladenindustrie gekommen ist, umgehen sollen.

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Die Show: Zusammengekommen sind Dieter Meier (72) und Boris Blank (65), als Meier nach einer Karriere als professioneller Pokerspieler von seinem Onkel eine Super-8-Kamera bekam, damit Experimentalfilme drehte, für die er Musik brauchte. Aus diesem Material hat Meier, der Mann für Texte und Visuelles, die Projektionen der Yello-Show zusammengestellt.

Die Musik: Boris Blank kreiert den Yello-Sound, indem er Geräusche aufnimmt (etwa wie Schneebälle an die Wand klatschen oder Holzstücke auf Luftballons trommeln) und im Computer manipuliert. Für die Konzerte hat er die Songs aber so arrangiert, dass zwölf Musiker (darunter fünf Bläser) mächtig Druck machen. Blank selbst spielt Keyboards und bedient an einem Pult die Maschinen.

Eintrittskarten: Tickets für das Yello-Konzert am 6. Dezember in der Wiener Stadthalle gibt es unter 01 /96 0 96 oder www.oeticket.com