Kultur
18.09.2017

"Die Zauberflöte": Märchenland ist abgebrannt

Mozarts "Die Zauberflöte" im Theater an der Wien in der Inszenierung von Torsten Fischer.

Eine Warnung an alle Eltern: Diese Neuinterpretation von Wolfgang Amadeus Mozarts ist absolut nicht (!) geeignet, um Kinder spielerisch in die Welt der Oper einzuführen. Denn Märchenland ist abgebrannt in Torsten Fischers zeitlos-heutiger, kluger Deutung des so populären Singspiels aus dem Jahr 1791.

Papageno, der lustige Vogelfänger? Fehlanzeige. Tamino und Pamina, das hehre Liebespaar? Mitnichten. Sarastro, der weise Weltenretter? Keinesfalls. Und die Königin der Nacht, die sternenflammende Furie im noblen Kleid? Oh nein. Denn Regisseur Fischer, der die Regie von der wegen des Dirigenten geschassten Lotte de Beer übernahm, geht es nicht um das Kindlich-Märchenhafte, auch nicht um (freimaurerische) Symbolik.

Liebessuchende

Das Thema Mann/Frau steht bei Fischer und seinem Team im Zentrum. Und natürlich die Liebe, der Tod und die (religiöse) Toleranz. "Vom Suchen und Finden der Liebe" könnte man in Anlehnung an einen Film sagen. Denn die sucht jeder auf der düsteren, reduzierten, jedoch immer mit schönen Bildern arbeitenden Bühne von Herbert Schäfer und Vasilis Triantafilopoulos. So gibt es etwa bei der Bildnisarie einen riesigen Spiegel, der auf die Schräge Pamina projiziert. Sarastro herrscht in einem von Gittern begrenzten Niemandsland. Die Wasserprobe spielt auf eine auf die Flüchtlingstragödie bezogene Installation von Ai Weiwei an. Auch eine mit einem Gedicht von Luigi Nono (mehrsprachig) verzierte Klagemauer hat in dieser Welt ihren Platz.

Menschwerdende

Und selbst die hehrsten Gestalten haben nur die (auch sexuelle) Liebe im Kopf. Fischer hat hier aus Archetypen ganz simple Menschen mit allen ihren Wünschen und Nöten gemacht. Nach dem Motto: Die Wahrheit ist zumutbar. Dass da keine putzigen Tierchen mitspielen können, versteht sich. Und eingeweiht wird letztlich auch niemand.

Passend zu dieser szenischen Umsetzung hat man auch auf der musikalischen Ebene Eingriffe vorgenommen. Die Dialoge sind teils neu und stark gekürzt. Eine (unnötige) Arie wurde gestrichen, stattdessen erklingt zu Beginn des zweiten Aktes wieder einmal eine Mozart-Kantate. Dazu gibt es viel musikalischen Theaterdonner.

Veganer

Diesen aber setzen Dirigent René Jacobs und die Akademie für Alte Musik Berlin sehr trocken, distanziert, spröde und kühl um. Nur nicht zu viel an Klangfarben oder gar Esprit – Mozart für Veganer, apart in kleinen Dosen verabreicht. Das ist eine Lesart, der man folgen kann, aber nicht unbedingt muss.

Die Sänger müssen. Und sie machen es – neben dem exzellenten Arnold Schoenberg Chor – meist sehr solide. So sind der stimmlich agile Sebastian Kohlhepp (Tamino) und die lyrische Sophie Karthäuser (Pamina) ein gutes Paar. Daniel Schmutzhard ist ein präsenter Papageno, der in Katharina Ruckgaber eine hinreißende Papagena findet. Dimitry Ivashchenko gibt einen profunden Sarastro, Nina Minasyan hat die Koloraturen für die Königin der Nacht. Sehr gut die drei Damen; sicher der Monostatos von Michael Smallwood.