Kultur
06.05.2017

"Die Wildente" als Psychodrama: Das Leben ist kein Wunschkonzert

Gerti Drassl und Maresi Riegner brillieren in Mateja Koležniks depressiver Version von Henrik Ibsens "Die Wildente" im Josefstädter Theater.

Hier kündigt sich das Unheil nicht leise an. Hier bricht es herein – mit unglaublicher Brutalität: Die slowenische Regisseurin Mateja Kolež-nik, die mit ihrer Inszenierung von "John Gabriel Borkman" weithin bekannt geworden war und vor einem Jahr "Nora" am Stadttheater Klagenfurt realisiert hat, strich den ersten Akt von Henrik Ibsens "Die Wildente" zur Gänze. Und sie strich auch jedes überflüssige Geplänkel.

Um die Familiengeschichte als beklemmendes Sozial- und Psychodrama nachzuerzählen, reichten ihr und dem fulminanten Ensemble bei der Premiere am Donnerstagabend knapp 80 Minuten.

Erstaunlicherweise bleibt "Die Wildente" im Theater in der Josefstadt ein naturalistisches Stück. Es spielt aber nicht Ende des 19. Jahrhunderts, sondern in der Nachkriegszeit, als Mütter noch Hausfrauen waren, die Arbeitskittel und Gesundheitsschuhe trugen. Der Schauplatz ist nicht das Atelier des Fotografen Hjalmar Ekdal, der davon träumt, irgendwann eine Erfindung zu machen. Auch nicht die Dachkammer, wo dessen Vater, der alte Ekdal, ein paar zahme Tiere hält und die flügellahme Wildente versorgt, die sein Chef, der Großhändler Werle, nicht richtig traf.

Nein, Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt wählte den Ort dazwischen: Er zimmerte hoch über den Köpfen der Zuschauer (die – kleiner Tipp – nicht zu weit vorne rechts sitzen sollten) ein Stiegenhaus, das trister kaum sein kann. Über eine Wandleiter klettert der alte Ekdal, von Siegfried Walther mit viel Schussligkeit und Wärme gezeichnet, andauernd in die Kammer zu seinen Tieren und Träumen; und Gina Ekdal, die mausgraue Frau des Fotografen, wäscht sich andauernd, die Stiegen schrubbend, die Hände in Unschuld.

Ein tonloser Schrei

Gerti Drassl verkörpert eine ihrem Schicksal ausgelieferte Kleinbürgerin, die alles hinunterschluckt und nur zu hastig herausgequälten Sätzen fähig ist, mit einer atemberaubenden Präsenz. Ihre Gina muss viel Energie aufwenden, um das Geheimnis zu wahren. Und dann wird Hjalmar von seinem dämonischen Freund Gregers aufgestachelt, das Lügengebäude zum Einsturz zu bringen.

Gina beichtet, ohne dem Mann dabei in die Augen zu schauen. Und ihr entfährt mit weit geöffnetem Mund ein tonloser Schrei, der verzweifelter nicht sein kann.

Raphael von Bargen darf tollpatschig überreagieren. Denn auch die Tragödie hat komische Momente – und diese vergrößern den nachfolgenden Sturz ins Bodenlose. Hjalmar ist sich nun sicher, nicht der Vater der 14-jährigen Hedvig zu sein. Und er glaubt, dass die Liebe der Tochter nur gespielt war.

Von Beginn an hat sie alles mitbekommen. Das Treppenhaus ist schließlich ihr Spielplatz; versteckt hinter dem Kaminvorsprung konnte sie Gespräche belauschen. Maresi Riegner imponiert als gerade noch nicht pubertierendes, sich gerade noch natürlich bewegendes Mädchen. Ihre Hedvig hört am liebsten den gebrochenen Tönen aus dem Transistorradio zu. Bittere Erkenntnis: Das Leben ist kein Wunschkonzert.