Die verlorene Ehre der Katharina Blum - von Heinrich Böll

Heinrich Böll (1917 – 1985): „Personen und Handlungen dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der ,Bild’-Zeitung ergeben haben, so sind diese<br />
Ähnlichkeiten
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"Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann", so der Untertitel des Meisterwerks, das bei seiner Veröffentlichung für Furore sorgte.

Als diese Erzählung Heinrich Bölls 1974 mit einer Startauflage von 100.000 Exemplaren erschien, sorgte sie für fulminantes Aufsehen. Der Spiegel brachte einen Vorabdruck, Bild , die größte Boulevardzeitung Europas, veröffentlichte so lange keine Bestsellerlisten mehr, bis der Text des Nobelpreisträgers aus den Top-Ten verschwand, und der damalige CDU-Vorsitzende Karl Carstens forderte, "sich von der Terrortätigkeit zu distanzieren, insbesondere auch vom Dichter Heinrich Böll, der noch vor wenigen Monaten unter dem Pseudonym Katharina Blum ein Buch geschrieben hat, das eine Rechtfertigung von Gewalt darstellt".

"Die verlorene Ehre der Katharina Blum" machte Furore, wurde bereits ein Jahr später von Volker Schlöndorff verfilmt und wirbelte eine Diskussion um die menschenverachtenden Praktiken der Sensationspresse und der Staatsgewalt auf, die lange anhielt. Ein zentrales, ein wichtiges Buch - damals, vor fast vierzig Jahren. Aber wie schlägt sich die Erzählung heute, in einer Zeit, da sogar Alice Schwarzer lächelnd der Bild-Zeitung zum Jubiläum gratuliert und die elektronischen Medien dabei sind, dem gedruckten Wort den Rang abzulaufen? Funktioniert die Geschichte auch heute noch? Sie tut es. Und das hat vor allem mit Bölls Humor zu tun - der schon aus dem zitierten Vorsatz zur Erzählung spricht. Der Text ist ironisch gebrochen, macht sich aus seiner vorgeblich neutralen Bericht-Haltung subtil lustig über eine Welt, die solch würdelose Praktiken der Boulevardpresse möglich macht.

Heinrich Böll (1917 – 1985): „Personen und Handlungen dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der ,Bild’-Zeitung ergeben haben, so sind diese<br />
Ähnlichkeiten Foto: APA Heinrich Böll (1917 – 1985): „Personen und Handlungen dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der ,Bild’-Zeitung ergeben haben, so sind diese
Ähnlichkeiten

Die Erzählung trägt den Untertitel: "Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann". Distanziert-neutral trägt der Berichterstatter zusammen, warum Katharina Blum, verlässliche und fleißige Haushaltskraft, den Journalisten Werner Tötges erschoss. Minuziös und detailverliebt wird die Untersuchung ausgebreitet: Wie Katharina Blum bei einem "privaten Tanzvergnügen" Ludwig Götten trifft, sich verliebt und ihn mit nach Hause nimmt. Wie der sich als fahnenflüchtiger Bundeswehrsoldat herausstellt, der bei seinem Abgang den Safe der Kaserne leerte und jetzt von der Polizei verfolgt wird. Wie sie ihm hilft zu entkommen, selbst abgeführt und verhört wird. Und wie schließlich die ZEITUNG über sie hereinbricht, in Bölls Erzählung stets in Großbuchstaben gesetzt. Aus der unbescholtenen Frau wird ein "Räuberliebchen", eine "Mörderbraut" und "Radikale". Der Reporter Tötges bellt und schimpft, verdreht Aussagen, manipuliert seine Interviewpartner und schleicht sich im Krankenhaus bei der frisch operierten Mutter Katharinas ein, die diesen Schock nicht überlebt. Viele Freunde wenden sich von ihr ab, anonyme Schmähbriefe und Drohanrufe machen das Leben in ihrer Wohnung unmöglich. Der leitende Polizeikommissar Beizmenne quält sie mit tagelangen Verhören und setzt sie massiv unter Druck: "Hat er dich denn gefickt?", soll Beizmenne gefragt haben. Katharina Blum darauf: "Nein, ich würde es nicht so nennen."

Blum sieht ihr Leben zerstört und besorgt sich eine Waffe. Lädt den Journalisten Tötges zum Exklusivinterview ein. Unmittelbar nach dessen brutaler Begrüßung - "Was guckst du mich denn so entgeistert an, mein Blümelein - ich schlage vor, daß wir jetzt erst einmal bumsen" - erschießt Katharina Blum ihn. Und erklärt später: "Ich dachte: Gut, jetzt bumst`s."

(kurier / Johanna Rachinger) Erstellt am
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