Kultur
31.07.2012

Die schöne Frau Seidenman - Von Andrzej Szczypiorski

Ob Jude oder Christ, Pole oder Deutscher, armer Schneider oder verträumter Altphilologe – ihnen allen leiht Szczypiorski eine eigene Stimme.

Das Warschauer Getto symbolisiert wie wenige andere Orte den Irrsinn des Holocaust. Film und Buch nahmen sich dementsprechend oft dieses menschenverachtenden Gefängnisses der Nazi-Diktatur an: Jurek Beckers "Jakob der Lügner", Polanskis "Der Pianist" oder Marcel Reich-Ranickis Autobiografie sind bewegende Beispiele. Auch der Roman des polnischen, im Mai 2000 verstorbenen Autors Andrzej Szczypiorski spielt – angesiedelt im Jahr 1943 – in dieser von Menschen gemachten Hölle. Mehr als ein Dutzend Figuren stellt der Autor gleichberechtigt nebeneinander und zeigt eindringlich ihr Leben und Leiden. Die (in der deutschsprachigen Übersetzung) titelgebende Irma Seidenman ist nur eine von ihnen: Blond, blauäugig und jüdisch, kann sie nur unter einem anderen Namen und mit falschen Papieren außerhalb des Gettos leben. Solange zumindest, bis sie enttarnt wird: Ein jüdischer Spitzel, der zum Verräter an seinem Volk wird, um selbst zu überleben, denunziert Irma Seidenman. In den Fängen der Gestapo leugnet sie und hofft – vielleicht kann sie doch noch, mithilfe ihrer Freunde und Bekannten, gerettet werden?

Was Szczypiorskis Roman derart faszinierend macht, sind vier Dinge: Zum einen wirkt das Geflecht der Figuren, die sich zum Teil sehr genau kennen, zum Teil aber nur an den Rändern des Schicksals berühren, wie eine lebendig gewebte Welt. Das Kaleidoskop dieser Menschen leuchtet in großartigen Farben: Ob Jude oder Christ, Pole oder Deutscher, armer Schneider oder verträumter Altphilologe – ihnen allen leiht der Schriftsteller eine eigene Stimme. Zweitens enthält sich Szczypiorski jeden Urteils, beschreibt auch ein SS-Mitglied nicht nur als Monster, sondern auch als Mensch. Drittens schafft es der Autor, Ironie einzusetzen, ohne die Geschichte zu verfremden. So kredenzt eine Kellnerin Schnaps, den sie "Gestapotropfen" nennt, so geht ein Berufsverbrecher "vor die Hunde", weil er nicht mit dem "Banditentum des großen Totalitarismus" konkurrieren kann. Und viertens ist die Perspektive eine ungewöhnliche: Der allwissende Erzähler kennt jeden Gedanken, jedes Gefühl seiner Figuren, weiß nicht nur um ihre geheimsten seelischen Abgründe, sondern auch um ihre Zukunft.

Von jedem der zentralen Protagonisten erfahren wir die Umstände des Todes, sei es in einer Woche, in einem Monat oder in zehn Jahren. Diese Technik führt nicht nur zu einer bedrückenden, fast märchenhaften Atmosphäre, sondern potenziert auch die Banalität und Brutalität des Lebens: etwa wenn eine der Figuren den Holocaust überlebt, nur um kurz danach an einer Erkältung zu sterben. Diese Projektion in die Zukunft war auch der Grund dafür, dass der Roman nicht in Polen veröffentlicht werden durfte – zu kritisch ging Szczypiorski mit dem Kommunismus um. Das Buch erschien 1986 in einem polnischen Exilverlag in Frankreich unter dem Originaltitel "Poczatek", was so viel wie "Anfang" bedeutet. Denn im Terror des Hitlerregimes erkannte Szczypiorski den Ausgangspunkt für das spätere Polen.

Der Autor mit den vielen Konsonanten im Namen (etwa "Schtipjorski" ausgesprochen) wurde 1924 in Warschau geboren und 1944 als politischer Häftling im KZ Sachsenhausen interniert. Seine Biografie ist voller Brüche: Journalist, Kulturattaché, scharfer Kritiker des Sozialismus, aber auch, wie nach seinem Tod bekannt wurde, Zuträger der polnischen Staatssicherheit. Sein Roman "Die schöne Frau Seidenman" besticht nach wie vor mit der einzigartigen, allumfassenden Geste eines Schriftstellers, die für das polnisch-deutsche Verhältnis ebenso wichtig war wie Willy Brandts Kniefall von 1970.