Kultur
07.12.2011

Die Schachnovelle - von Stefan Zweig

Die beklemmende Novelle vom Schachspiel und den Folgen des NS-Regimes ist ein grandioses Kammerspiel und erschütterndes Zeugnis zugleich.

Die Novelle ist eine ausgestorbene, zumindest stark bedrohte Art innerhalb der Literatur: Sucht man im deutschsprachigen Raum, wird man bis zu Uwe Timms 1993 erschienenem "Die Entdeckung der Currywurst" oder gar Martin Walsers "Ein fliehendes Pferd" von 1978 zurückgehen müssen. Die seit Boccaccios "Decamerone" beliebte Form scheint von Shortstory und Erzählung geschluckt worden zu sein. Aus Italien stammt auch die Bezeichnung "Novella", das bedeutet soviel wie Kunde oder Nachricht - und meint ein besonderes Ereignis.

Stefan Zweig nutzte diese Gattung mit meisterlicher Hand, zeichnet in der "Schachnovelle" das Treffen zweier Genies in unvergleichlicher Weise nach. Auf einem Passagierdampfer von New York nach Buenos Aires reist auch der Ich-Erzähler - ein namenloser Österreicher, der vor den Nazis ins südamerikanische Exil flüchtet. Mitpassagier ist auch der amtierende Schachweltmeister Mirko Czentovic, geschildert als arrogant und geldgierig. Vom reichen Ölingenieur McConnor um ein Schachspiel während der Schiffsreise gebeten, antwortet Czentovic, sein Minimum sei "zweihundertfünfzig Dollar pro Partie". Aber McConnor kann es sich leisten. Natürlich verliert er die erste Runde, fordert eine Revanche und steht auch bei der zweiten Partie auf verlorenem Posten. Bis ein Zuschauer aus dem Publikum sich einmischt und das Spiel zum Remis führt. Er stellt sich als Dr. B. vor, lehnt es ab, allein gegen Czentovic zu spielen und flüchtet an Deck. Eine Nachfrage beim Steward ergibt Dr. Bs. Nationalität - er ist Österreicher. Als Landsmann wird der Ich-Erzähler losgeschickt, um B. doch noch umzustimmen, findet ihn an Deck und hört fasziniert zu, wie der geheimnisvolle Mann von seinem Schicksal berichtet.

Was nun folgt ist eine der beeindruckendsten Beschreibungen von psychologischer Qual in der Literatur: B. war Anwalt in Wien, der das Vermögen von Klöstern und der kaiserlichen Familie mitverwaltete. Nach Hitlers Machtübernahme wurde er von der Gestapo verhaftet und ins Hotel Métropole, der berüchtigten Nazi-Zentrale am Morzinplatz gebracht. In einem Hotelzimmer wird er über Monate isoliert; er verzweifelt schier an Einsamkeit und dem Fehlen jeglicher Ablenkung. Unvergesslich Stefan Zweigs Beschreibung, wie B. ein Buch stiehlt und seine hymnische Freude über diesen Schatz in Entsetzen umschlägt, als er entdecken muss, dass er eine tabellarische Sammlung von berühmten Schachpartien in Händen hält. Als letzte Zuflucht vor dem Wahnsinn beginnt er, die Partien nachzuspielen, spielt bald gegen sich selbst, zerfällt dabei immer mehr in ein "Ich Weiß" und "Ich Schwarz", bis die fieberhafte Raserei zu einem Nervenzusammenbruch führt. Nur durch Glück und Zufall überlebt B., weiß aber um die Gefahren, die das Schachspiel für seine zermürbte Psyche birgt. Und lässt sich dennoch überreden, ein einziges Mal gegen den Weltmeister Czentovic anzutreten.

Die "Schachnovelle" ist grandioses Kammerspiel und erschütterndes Zeugnis zugleich. Und sie ist Stefan Zweigs letztes Werk. Der 1881 in Wien geborene Autor schrieb sie wohl zwischen 1938 und 1941 im brasilianischen Petrópolis; die Veröffentlichung im Winter 1942 erlebte er nicht mehr. Schon im Februar dieses Jahres - verzweifelt über seine Situation im Exil und die grässliche Wirklichkeit des NS-Regimes - nahm er sich zusammen mit seiner zweiten Frau Charlotte Altmann das Leben.