Verwandt: Amira Casar und Laurence Rupp in "Die Nacht der 1000 Stunden"

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"Die Nacht der 1000 Stunden": Wenn die Vergangenheit zum Leben erwacht
11/17/2016

"Die Nacht der 1000 Stunden": Wenn die Vergangenheit zum Leben erwacht

Virgil Widrich lässt in einem Wiener Palais Vergangenheit und Gegenwart ineinander fließen.

von Alexandra Seibel

Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen, heißt es einmal bei Christa Wolff. Was dieser Satz bedeuten könnte, erfährt eine Wiener Unternehmerfamilie am eigenen Leib. Gerade haben sich die Verwandten versammelt: Philip Ullich – famos: Laurence Rupp – soll das Unternehmen übernehmen. Sogar seine Tante unterschreibt, um ihren rechtsradikalen Sohn zu enterben. Kaum setzt sie die Feder aufs Papier, kippt sie tot um. Doch nur wenig später erhebt sich die Leiche und erfreut sich bester Gesundheit.

Und nicht nur sie: Nach und nach erscheinen weitere verstorbene Verwandte im Türrahmen: Großmutter, Großonkel – ja sogar die jung verstorbene erste Frau des Großvaters, die schöne Renate (Amira Casar). Einzig der Großvater fehlt: Seine Abwesenheit markiert ein dunkles Familiengeheimnis.

Die Untoten bringen nicht nur ihre Erinnerungen mit, sondern auch ihre historischen Lebenszeiten: Kaisertreue Männer mit Zylinder tummeln sich plötzlich neben Menschen aus der Zwischenkriegszeit und heutigen Rechtsradikalen.

Virgil Widrich, Oscar-nominiert für seinen Kurzfilm "Copyshop", verdichtet sein in melodramatischen Farbtönen gehaltenes Kammerspiel zum kritischen Generationenporträt. Das Unternehmerhaus wird zum geisterhaften Geschichtsmodell, in dem Gegenwart und Vergangenheit eine unheilige Allianz eingehen. Dabei gerät Widrichs Polit-Allegorie auf unbewältigte Vergangenheit etwas überdeutlich, anstatt seinen Lustgewinn aus der angedeuteten Familien-Soap zu gewinnen. Den skurrilsten Auftritt hat aber zweifellos Udo Samel, der als kaiserlicher Polizist stark an Wachtmeister Dimpfelmoser aus "Räuber Hotzenplotz" erinnert.

INFO: LUX/Ö/ NL 2016. 92 Min, Von Virgil Widrich. Mit Laurence Rupp, Amira Casar.

KURIER-Wertung:

Poetischer Busfahrer sieht sein Leben durch die lyrische Brille

Mit seinem berühmt lakonischen Humor entwirft der New Yorker Filmemacher Jim Jarmusch das Porträt eines poetischen Busfahrers namens Paterson, der seinen monotonen Alltag durch die lyrische Brille sieht.

Täglich rumpelt Paterson mit seinem Gefährt durch die heruntergekommene, gleichnamige Kleinstadt in New Jersey, belauscht die alltäglichen Konversationen seiner Fahrgäste – und denkt sich dabei allerhand Gedichte aus (die übrigens der New Yorker Lyriker Ron Padgett extra für diesen Film verfasste). Elegant entwirft Jarmusch kleine, elegische Alltagsszenarien, in denen wundersame Kleinigkeiten wie Zündhölzer Paterson zu Poesieflüssen beflügeln.

Adam Driver (Kylo Ren in " Star Wars – Episode VII") spielt den begabten Busfahrer mit unbeirrbarer Gutmütigkeit. Allabendlich führt er seine Bulldogge um den Häuserblock, plaudert in der Bar am Eck und lässt sich von seiner etwas anstrengenden Freundin ihre Träume erzählen. Sympathisch, wenn auch wenig aufregend, plätschert Jarmuschs liebevolle Ode an die Kleinstadt als poetische Petitesse vor sich hin.

INFO: F/D/USA 2016. 118 Min. Von Jim Jarmusch. Adam Driver, Golshifteh Farahani.