Jeff Koons, der „Siegerkünstler“ schlechthin, vor seinem Werk „Balloon Venus“: Eine andere Version der Skulptur stand bis vor Kurzem auch im Naturhistorischen Museum Wien

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Kunst
04/21/2016

Die Leere nach der Trophäenjagd

Ein neues Buch geißelt die Kunst-Elite - und ermuntert, das Feld nicht den Reichen zu überlassen

Wenn Kunstsammler sich fotografieren lassen, posieren sie gern mit ihren Werken wie Jäger mit einem Stück erlegten Wilds. Meist dreht der Besitzer (weniger häufig die Besitzerin) auf solchen Fotos Gemälden den Rücken zu, manchmal rastet die Hand auf einer Skulptur: Es ist der Besitz, der zählt, nicht das Werk an sich.

Derlei Repräsentationsgesten wären mit Blick auf die Kunstgeschichte nicht weiter außergewöhnlich, würden sie sich nicht mit Kunst paaren, die sich gern als „subversiv“, „kapitalismuskritisch“ oder „avantgardistisch“ gibt.

Folgt man den Thesen, die der Kunstwissenschafter Wolfgang Ullrich in seinem neuen Buch „Siegerkunst – neuer Adel, teure Lust“ festhält, dann haben eher Geld und Macht die Avantgarde unterwandert als umgekehrt. Und dieser Umstand prägt unser aller Verhältnis zur Kunst.

Neuer Adel

Anzeichen für die Entwicklung eines „neuen Adels“, der Kunst zur Repräsentation nutzt, gibt es seit Langem: Die exorbitanten Preise, die bei internationalen Auktionen erzielt werden, bringen Meisterwerke längst außer Reichweite öffentlicher Museen; Künstler wie Jeff Koons, Anish Kapoor oder Damien Hirst stiegen selbst zu Stars und Top- Unternehmern auf und sind mit den Superreichen auf du und du.

Dass Kunst gern auch als diskreter Vermögensspeicher genutzt und in Zollfreilagern gehortet wird, wurde durch die „Panama Papers“ wieder offensichtlich.

Zugleich werden Kunstwerke oft in klinisch weißen Räumen präsentiert und mit der Aura absoluter Reinheit umgeben: Die Ideologie der Moderne, die Kunst als hehre Gegenwelt und als Gegenstand „interesselosen Wohlgefallens“ positionierte, lebt weiter – wenn auch zunehmend als umsatzsteigerndes Feigenblatt. „Im Kauf von Siegerkunst“, schreibt Ullrich, „kann der Superreiche die Folgen seines kapitalistischen Agierens genießen und zugleich seine Unabhängigkeit von diesem beweisen“.

Es ist leicht, auf den Spuren von Ullrichs scharfen, gut zu lesenden Analysen in die Zynismus-Falle zu tappen: Wer bisher schon dachte, dass insbesondere zeitgenössische Kunst eine einzige Mogelpackung, ein Spielball der Reichen und Abgehobenen sei, wird durch die Ausführungen eher bestätigt als widerlegt.
Bereicherung für alleDoch es gilt im Auge zu behalten, dass die Sphäre der Kunst auch eine andere Dimension hat: Von der Aufklärung bis zur Moderne spannt sich eine Tradition der „geistigen Inbesitznahme“, die darauf abzielt, Kunst eben nicht nur den Reichen und Mächtigen zu überlassen.

Während Musik, Tanz und Theater erlebt werden müssen, um zu wirken, ist diese Teilhabe bei Werken bildender Kunst, die man theoretisch auch kaufen und wegsperren kann, weniger selbstverständlich.

Als Form des Gedankenaustauschs, als Wettstreit von Ideen, als ständiger Abgleich zwischen Sehen und Denken, als Auslotung von Gestaltungsmöglichkeiten ist Kunst aber unzweifelhaft eine Bereicherung des Lebens – auch dann, wenn man sich den Kauf eines Kunstwerks selbst nicht leisten kann. Der Besuch von Museen und Galerien, das Reden, Streiten, Schreiben und Lesen über Kunst sind allesamt Formen einer Aneignung, auf die eine demokratische Gesellschaft nicht so ohne weiteres verzichten sollte.

Mit leichtem Frust weist Ullrich darauf hin, dass ein großer Teil des scheinbar omnipräsenten „Kunstdiskurses“ heute eine organisierte Applaus-Veranstaltung ist: Ausstellungskataloge dienen sehr oft nur der Erhöhung eines Künstlers; wer sich einem Werk kritisch widmet, dem wird rasch das Reproduktionsrecht für Abbildungen verweigert: Ullrichs Buch selbst zeigt an vielen Stellen leere Flächen statt Bildern.

Nur wenige „Sieger"

Ullrich ist nicht immer trennscharf in seiner Definition, wer nun in der Sphäre der „Siegerkunst“ weilt und wer nicht: Der international angesehene Österreicher Heimo Zobernig gehört für ihn dazu, das Duo Clegg & Gutmann erfüllt für ihn dagegen das Erfordernis eines kritischen Zugangs, auch wenn es Auftragsporträts von Sammlern anfertigt.

In der Tat, räumt auch der Autor ein, ist die Sache nie eindeutig: Weder war die Kunst der Moderne jemals eine absolut reine, anti-kommerzielle Angelegenheit, noch lässt sich Auftragskunst in Bausch und Bogen verdammen: Wenn Künstler und kundige Mäzene harmonieren, kann das Ergebnis außergewöhnlich sein.

Schlussendlich gilt es zu bedenken, dass die überwiegende Mehrheit der Künstlerinnen und Künstler keine „Sieger“, sondern oft prekär arbeitende Kreative sind, die ihr Leben der Teilhabe am System der Kunst gewidmet haben. Dieses würde nicht existieren, wenn es nicht von der Allgemeinheit, von passionierten Sammlern und Ausstellungsbesuchern gestützt würde – und beständig „Dividenden“ in Form individuell bereichernder Erlebnisse auszahlen könnte.

Info

Wolfgang Ullrich: Siegerkunst. Neuer Adel, teure Lust. Wagenbach Verlag, 160 Seiten, 17,90 €.

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