Antony Gormleys "Horizon Field" war von August 2010 bis April 2012 im alpinen Hochgebirge Vorarlbergs installiert.

© Antony Gormley und Kunsthaus Bregenz/Markus Tretter

Interview
01/26/2016

"Die Kolonisierten kommen nach Hause"

Der Bildhauer Antony Gormley über die globale Zukunft, Menschenströme und die Rolle der Skulptur.

von Michael Huber

Er ist einer der bekanntesten Bildhauer der Gegenwart, mit einem Team von Mitarbeitern realisiert der Brite Sir Antony Gormley Projekte in aller Welt. Auf Einladung der Universität für angewandte Kunst weilte der Künstler in Wien – und sprach mit dem KURIER über die Hintergründe seiner Arbeit.

KURIER: Derzeit ist Ihre jüngste Werkgruppe „Expansion Field“ in Salzburg zu sehen. Ist diese Serie für Sie abgeschlossen?
Antony Gormley: „Expansion Field“ folgt einer relativ einfachen Idee: Nämlich die Hubble-Konstante, die die Ausdehnung des Universums beschreibt, auf den menschlichen Körper anzuwenden. Ich könnte Skulpturen, die dies demonstrieren, in jedem Maßstab anfertigen. Der zentrale Gedanke ist: Wir bewohnen einen Körper, der ein Objekt im Raum ist, zugleich ist dieses Objekt der Ort des Bewusstseins, das sich potenziell unendlich ausdehnt. Man könnte sagen, die Vorstellungskraft übersteigt alle Limits der materiellen Verkörperung.

Zugleich benutzen Sie handfeste Materialien in Ihrer Arbeit.
Mein häufigstes Material der vergangenen 25 Jahre war Eisen. Denn ich glaube, dass wir noch immer in der industriellen Ära leben. Noch wichtiger aber ist, dass Eisen ein Erd-Material ist: Wenn wir 2000 Meter tief bohren, finden wir es in flüssiger Form, etwa in derselben Temperatur, die ich benutze, um meine Abgüsse herzustellen. Meine Körperformen sind solide, wiegen um die 630 Kilo. Dieser Übergang eines lebenden Körpers zur „Masse“ bedeutet für mich eine Verschiebung und sagt etwas über die Fähigkeit der Skulptur aus, in der Zeit zu arbeiten.

Geht es Ihnen um eine Annäherung an Permanenz?
Jeder Begriff von Permanenz ist eine Illusion. Es geht eher um ein langes „Jetzt“ – im Unterschied zum „Jetzt“ der Nachrichten. Skulptur spricht immer zu den Ungeborenen. Wenn sie einmal existiert, hat sie die Fähigkeit, wie eine Falle auf unsere Aufmerksamkeit zu warten. Ihr fehlt Sprache, Bewegung, Vitalität – aber dadurch fordert sie unsere Vitalität heraus, regt an, über den Status quo nachzudenken. „Horizon Field Vorarlberg“ (2010–’12) stellte große Fragen: Wo passt die Menschheit im Zusammenhang der Elemente, der Natur hin?

Man spricht ja vom „Anthropozän“, einem neuen, vom Menschen geformten Erdzeitalter.
Es ist nicht zu leugnen, dass der menschliche Einfluss auf das Klima extrem tief greifend ist – und dass es bereits zu spät sein könnte. Wir könnten eine Spezies sein, die außer Kontrolle geraten ist. Ich sehe meine Arbeit nicht als Protest oder Agitprop – aber sie fragt, ob wir Teil der Zukunft dieses Planeten sein werden.

Wie sind Ihre Aussichten?
Auf der positiven Seite gibt es viel Potenzial. Wir hören aber, dass in den nächsten 20 Jahren 3,5 Milliarden Menschen in Städte ziehen werden – so etwas ist noch nie passiert. Zugleich finden andere Massenbewegungen statt. Wenn die Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts eine der Kolonialisierung war, in der sich Europa nach Süden und Osten bewegte, sieht das 21. Jahrhundert die Umkehrung davon: Die Kolonisierten kommen nach Hause. Was definiert da eine Gesellschaft? Und: Können Nationalstaaten mit der Idee frei fließenden Kapitals koexistieren? Ist es nicht ein Widerspruch, dass wir an eineMarktwirtschaft glauben, in der Kapital unendlich transferiert werden kann, dass wir Menschen aber dieselbe Transferierbarkeit verweigern?

Was hat das mit Skulptur zu tun?
Ich behaupte hartnäckig, dass Skulptur eine fragende Instanz sein sollte, anstatt den Status quo zu stützen. Die faule Art, meine Skulpturen zu betrachten, ist zu sagen: Es sind einfach traditionelle Statuen. Das sind sie nicht. Es sind menschenförmige Verschiebungen von Raum, die auf die Welt blicken und dazu einladen, ihren Standpunkt zu teilen.

Heißt das, die Idee von Skulptur als Denkmal oder Monument läuft Ihnen zuwider?
Monument kommt vom lateinischen „monere“, was „mahnen“ bedeutet. In gewisser Weise gefällt mir das. Aber normalerweise wird ein Monument als die materielle Erinnerung an ein nationales Opfer oder an die Existenz eines großen Helden verstanden. Dafür interessiere ich mich nicht. Die Moderne hat die Verantwortung für die Zukunft jedem Einzelnen übertragen, und da ist die Figur eines monumentalen Helden unangebracht. Allerdings hat das 20. Jahrhundert wenig zum öffentlichen Raum beigetragen – die Ringstraße mit ihren Monumenten etwa war als kollektives Erlebnis gedacht, wie mittelalterliche Kathedralen auch. Heute haben wir die Privatisierung einer Kunst akzeptiert, deren Hauptinstrumente Museums- und Galerieausstellungen sind. Ich bin interessiert daran, Kunst an die gemeinschaftlichen Orte der Welt zurückzubringen.

„Horizon Field Vorarlberg“ wurde nach gut eineinhalb Jahren wieder abgebaut. Wie wichtig ist Ihnen, dass ein Werk an einem Ort bleibt?
Ich mag die Idee, dass Skulptur einen Ort über eine gewisse Zeit hinweg „befragt“. Wenn diese Befragung produktiv ist, interessiert mich die Option, dass sie bleibt. Ich bin mir noch immer nicht sicher, was „Horizon Field Vorarlberg“ betrifft. Ich denke, es hätte auch als permanente Installation gut funktioniert. Aber natürlich ist nichts permanent.

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Antony Gormley, über Skulptur, Sieveking Verlag…

Gormley: Ausstellung und Buch

Antony Gormley, 1950 geboren, ist seit Ende der 1970er Jahre als Künstler aktiv. 1994 gewann er den renommierten Turner-Preis; 2014 wurde er für seine Verdienste um die Kultur geadelt.

Gormleys Ideen sind im Buch „Über Skulptur“ (Sieveking Verlag, 41,40 €) nachzulesen. Es wird am 30. 1. in der Halle der Galerie Thaddaeus Ropac (Vilniusstraße 13, Salzburg) präsentiert, wo seine Skulpturen gegen Voranmeldung noch bis Ostern zu sehen sind.

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