Kultur
07.12.2011

Die Klavierspielerin - von Elfriede Jelinek

Das zentrale Thema des Buches, die Gewalt zwischen Eltern und ihren Kindern, zwischen Mann und Frau ist ein gesellschaftliches Tabu.

Jelineks Bücher sind nie einfach. Die Nobelpreisträgerin geht stets an die Grenze: der emotionalen Verträglichkeit, der Verständlichkeit, des Zumutbaren. Leserinnen wie Leser gehen in der Regel vorbereitet, ja "gewappnet", in die Lektüre. Jelinek fürchtet sich nicht, bringt weitgehend tabuisierte Aspekte menschlicher Beziehungen (und Befindlichkeiten) zur Sprache und erzählt in "Die Klavierspielerin" schonungslos von Gewalt und Macht. Es ist die Geschichte von Erika Kohut, einer 36-jährigen Klavierlehrerin, die immer noch mit ihrer Mutter zusammenwohnt, die von dieser Mutter ohne Erbarmen beherrscht und zu einer Karriere als Konzertpianistin gezwungen wird: "Eine weltbekannte Pianistin, das wäre Mutters Ideal; und damit das Kind den Weg durch Intrigen auch findet, schlägt sie an jeder Ecke Wegweiser in den Boden und Erika gleich mit."
Erika Kohut scheitert, ihr bleibt nur eine Stelle als Klavierlehrerin am Wiener Konservatorium. Durch den alles zerquetschenden Druck dieser Erziehung emotional abgestumpft, ja abgestorben, sucht sie Gefühle in Peepshows, Pornos - und durch Schnitte mit der Rasierklinge auf ihrer Haut. Erika wird - sie kennt nichts anderes - selbst zu einer Despotin über ihre Klavierschüler. Einer von ihnen ist Walter Klemmer: Er verliebt sich in seine Lehrerin, will sie erobern, "sein Wunsch ist, dass sie sich von ihren Hemmungen endlich befreien möge. Sie solle ihre Persönlichkeit als Lehrerin ablegen und einen Gegenstand aus sich machen, den sie ihm dann anbietet." Erika lehnt ihn erst ab, offenbart später in einem Brief ihre sado-masochistischen Fantasien, die den Schüler ängstigen. Walter flieht erst, dann vergewaltigt er sie, wandelt Erikas Fantasie in stumpfen, leblosen Schmerz. Der Roman endet mit einer letzten Autoaggression: Erika will sich ein Messer in das Herz stoßen - "das Messer soll ihr ins Herz fahren und sich dort drehen!" -, es dringt aber - absichtlich oder nicht - nur in ihre Schulter. Und sie kehrt blutend zurück zu Mutter und Wohnung.

"Die Klavierspielerin" ist ein zutiefst pessimistisches Buch, ein autobiografisch gefärbter Roman über Gewalt, Sexualität und Macht. Elfriede Jelinek selbst erklärt: "Die Leute kaufen es immer noch, weil es vielleicht, ich weiß es nicht, etwas von der Frustration weiblicher Existenz vermittelt." Dass wir diese beklemmende "Frustration weiblicher Existenz" beim Lesen überhaupt aushalten, liegt an der unglaublich starken Sprache der Autorin. Manchmal wirkt sie distanziert und kalt, manchmal beißend ironisch oder mit Zitaten aus Liedern und Gedichten spielend - aber immer mitreißend: " Erika ist ein Insekt in Bernstein, zeitlos, alterslos. Erika hat keine Geschichte und macht keine Geschichten. Die Fähigkeit zum Krabbeln und Kriechen hat dieses Insekt längst verloren. Eingebacken ist Erika in die Backform der Unendlichkeit."

Diese Sprache der "Klavierspielerin" spannt sich von genauester Beobachtung in pragmatisch kurzen Sätzen bis hin zu sarkastischer, gnadenloser und spielerischer Wortgewalt. Sie haucht dem düsteren Text eine Lebendigkeit ein, dass man nur staunen kann: Ein Umstand, der die Lesenden an den Text bindet. Der Roman erschien 1983 bei Rowohlt, trägt also bereits mehr als ein Vierteljahrhundert auf seinem 300-Seiten-Buckel. Erschreckend, dass er auch heute aktuell ist und eine ähnliche Betroffenheit auslöst wie vor 28 Jahren: Die Gewalt zwischen Eltern und ihren Kindern, zwischen Mann und Frau bleibt immer noch Thema.