Liebe, die sich aus der Distanz nährt

Anja Plaschg, Laurence Rupp
Foto: KURIER/Franz Gruber Anja Plaschg und Laurence Rupp.

Laurence Rupp und Anja Plaschg in einem Film über Paul Celan und Ingeborg Bachmann.


"Ich liebe dich, aber ich will dich nicht lieben", schrieb Ingeborg Bachmann in einem der zahllosen Briefe, die sie an ihren verlorenen Geliebten, den Lyriker Paul Celan, gerichtet hat. Dieser herzzerreißenden, manchmal auch grausamen Briefbeziehung zwischen Bachmann und Celan hat die österreichische Dokumentarfilmemacherin Ruth Beckermann mit ihrem Film "Die Geträumten" (Kinostart: Freitag) ein wunderbares Denkmal gesetzt. Es handelt sich dabei um eine ebenso tragisch schöne wie schön tragische Geschichte über zwei der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker der Nachkriegszeit, deren Liebe unglücklich verlief.

Die Musikerin Anja Plaschg alias Soap & Skin und der Burgschauspieler Laurence Rupp lesen einander in einem Studio des ORF-Funkhauses wechselseitig jene Briefe vor, die sich Bachmann und Celan zwischen 1949 und 1967 schrieben.

KURIER: Wann haben Sie beide das letzte Mal einen Brief geschrieben?

Laurence Rupp: Am 6. Dezember – einen Nikolo-Brief an meinen Sohn. Ich habe so getan, als wäre ich Nikolaus. Und es war ein kurzer Brief.

Anja Plaschg: Ich schreibe regelmäßig Postkarten, aber da steht meistens nur ein Wort drauf – oder höchstens zwei(lacht).

Es gab anfänglich kein Drehbuch. Mit welchen Vorgaben gingen Sie an das Projekt heran?

Laurence Rupp: Zuerst einmal wussten wir nicht genau, was Ruth Beckermann erzählen wollte und wie der Film im Endeffekt aussehen würde. Das machte die Sache eigenartig, aber auch spannend. Ursprünglich war eher eine klassische Doku angedacht, bei der die Regisseurin wichtige Schauplätze der Liebesgeschichte von Paul Celan und Ingeborg Bachmann besucht, also Rom, Wien oder Paris. Es gab auch ein Interview mit dem Sohn von Paul Celan. Erst am Schneidetisch ist dieses Kammerspiel zwischen uns beiden mit den Briefen entstanden.

Anja Plaschg: Ruth hat mir erst gestern verraten, dass sie schon während des Drehs gehofft hatte, es könnte bei dem Kammerspiel bleiben.

Fühlten Sie sich der Figur der Ingeborg Bachmann nahe?

Anja Plaschg: Ich empfand ihr gegenüber eine Abneigung, habe dann aber schnell gewusst, dass das etwas mit mir zu tun hat – weil es mir so nahe geht. Das ist auch der Grund, warum ich erst einmal eine Distanz zu ihr schaffen musste. Und das wollte Ruth auch: Dass wir eine Distanz als Leser haben, aber gleichzeitig empathisch auf die Briefe reagieren.

Es gibt einen emotional sehr starken Moment, wo Sie beim Lesen fast in Tränen ausbrechen.

Anja Plaschg: Ich habe das eher als Schwachpunkt erlebt. Das liegt natürlich auch an der Scham meiner sichtbaren Emotion gegenüber. Wenn das öfter so sichtbar gewesen wäre, hätte das dem Film nicht gutgetan, glaube ich. Aber dadurch, dass es nur ein Moment ist ...

Wie standen Sie zu Paul Celan?

Laurence Rupp: Anfangs hatte ich meine Probleme mit ihm. Erstens ist Lyrik nicht unbedingt die Form von Literatur, die ich gern habe. Dann habe ich "Herzzeit" (der Briefwechsel zwischen Bachmann und Celan, erschienen bei Suhrkamp, Anm.) gelesen und Celans Art zu schreiben anstrengend gefunden. Das wurde dann auch für Ruth zum Problem.

Inwiefern?

Sie meinte, dass ich mich ihm verwehre. Aber im Laufe der Filmarbeiten hat sich meine Einstellung zu Celan verändert und meine Sympathien für ihn oder Bachmann sind hin und her gewandert. Das Verhältnis der beiden war ja sehr ambivalent.

Haben Sie sich vor dem Film eigentlich persönlich gekannt?

Anja Plaschg: Ich habe Laurence nicht gekannt. Am Anfang war er mir auch eher unsympathisch (lacht), aber das hat sich mit Fortdauer des ersten Gesprächs geändert. Wie war denn dein erster Eindruck, Laurence?

Laurence Rupp: Ich war beim ersten Treffen nervös, weil ich deine Musik sehr schätze. Natürlich hätte sich nach dem Treffen eine gewisse Enttäuschung einstellen können. Das war aber nicht der Fall. Ich fand das herrlich mit dir, liebe Anja.

Anja Plaschg: Ich trage eine Polarität in mir. Auf der einen Seite bin ich analytisch, habe ein Ziel vor Augen, auf der anderen Seite bin ich total desorientiert. Damit hadere ich immer. Wenn ich dann so jemanden wie Laurence treffe, hilft mir das ungemein – er reguliert diesen Zwiespalt.

Laurence Rupp: Man findet grundsätzlich an einem anderen Menschen jene Eigenschaften bewundernswert, die man selbst als seine Schwächen empfindet. Anja bringt eine unglaubliche Ruhe mit. Das ist nicht gerade meine Stärke. Sie denkt immer lange nach, bevor sie eine Antwort gibt. Das sollte ich auch öfter einmal machen.

Anja Plaschg, Laurence Rupp "Die Geträumten"… Foto: /Stadtkino

Wie beurteilen Sie das Verhältnis von Bachmann und Celan?

Anja Plaschg: Ingeborg Bachmann war auf jeden Fall eine sehr starke Persönlichkeit, die sich stets darum bemüht hat, sein Leid aufzufangen.

Laurence Rupp: Das Gefühl habe ich auch, aber die Stimmungslage der beiden schwankt oft. Mal ist er der Stärkere, mal ist sie es. Das hat auch viel mit der Zeit zwischen den Briefen zu tun: Oft vergehen Monate. Und sie schenken sich gegenseitig nichts. Was bei ihm natürlich wahnsinnig intensiv mitschwingt, ist seine traurige Vergangenheit – die Flucht vor den Nazis, die Ermordung seiner Eltern im Konzentrationslager. Er sieht sich als Opfer, was er natürlich auch ist, und hat gegenüber der Welt eine sehr pessimistische Haltung. Er ist der Geschundene, dem so viel Leid zugefügt wurde, während sie so etwas nie miterleben musste.

Glauben Sie, dass eine gelebte Beziehung zwischen den beiden funktioniert hätte?

Anja Plaschg: Es ist natürlich vage, das zu vermuten, aber ich glaube schon, dass sich die Liebe zwischen den beiden auch durch die Distanz genährt hat. Diese Sehnsucht aufrechtzuerhalten, dass es da noch diese Person gibt – das hat auch Lebensenergie und Inspiration erzeugt.

Laurence Rupp: Ich glaube nicht, dass sie eine Beziehung hingekriegt hätten. Bachmann war ja sehr emanzipiert, und er in gewissen Sachen doch sehr machohaft. Er hätte es nicht ausgehalten, dass eine starke Frau neben ihm ihre Karriere vorantreiben will. Und ich glaube nicht, dass sie zu Hause geblieben wäre und ihn unterstützt hätte – aber das hätte er gebraucht. Deswegen gab es auch die andere Frau, Giselle, die ihre Kunst für ihn aufgegeben und alles für ihn gemacht hat. Das hätte wahrscheinlich zwischen ihm und Bachmann nicht funktioniert. Aber natürlich ist es auch vermessen, das zu sagen.

(kurier) Erstellt am
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