Kultur
10.07.2017

Die Frau im Schatten

Eleanor Coppola lieferte ihr Spielfilmdebüt im Alter von 80: "Paris kann warten".

Eleanor Coppola ist eine Frau, die lange im Schatten stand. Zumeist in dem ihres Mannes Francis Ford Coppola, dem legendären Filmregisseur von "Der Pate" und "Apocalypse Now". Dann in dem ihrer Kinder: Sofia Coppola ist mittlerweile arrivierte Filmemacherin, Sohn Roman Coppola Regisseur und Produzent.

Eleanor blieb die Chronistin der Familie: Erstmals trat sie mit ihrer Doku "Hearts of Darkness" (1991) in eine breitere Öffentlichkeit. Darin lieferte sie die Hintergründe zu den schwierigen Dreharbeiten von " Apocalypse Now".

Doch im Alter von 80 wollte es Eleanor Coppola noch einmal wissen. Sie drehte ihren ersten Spielfilm: "Paris kann warten" (Kinostart: Freitag, 14.7.). Darin erzählt sie von einer Frau anfang 50 (Diane Lane), die mit einem Filmproduzenten (Alec Baldwin) verheiratet ist und nach Orientierung sucht. Sie unternimmt einen Roadtrip durch Frankreich mit einem Geschäftsfreund und lernt dabei, das Leben neu zu genießen.

Ein Gespräch mit einer hinreißenden Eleanor Coppola, deren man ihre mittlerweile 81 Jahre keineswegs ansieht, über ihr Leben als Ehefrau eines berühmten Mannes und der Schwierigkeit, aus seinem Schatten heraus zu treten.

KURIER: Frau Coppola, warum haben Sie mit 80 beschlossen, Ihren ersten Spielfilm zu drehen?

Eleanor Coppola: Ich habe mich selbst überrascht. Niemals hätte ich geglaubt, je einen Spielfilm zu drehen. Denn eigentlich bin ich von Natur aus eine Beobachterin und sehr geeignet als Dokumentaristin. Aber ich glaube, gerade mein Alter hat mich dazu beflügelt, denn als ich 74 wurde, dachte ich: "Meine Güte, ich werde nicht ewig leben – vielleicht sollte ich das jetzt einfach ausprobieren!" (lacht schüchtern).

Was hat Sie zu der Geschichte inspiriert?

Ich habe mit einem Franzosen einen spontanen Road-trip unternommen – und dieses Erlebnis hat mir die Augen geöffnet. Mein Leben war immer angefüllt mit Terminen und Pflichten, die mich getrieben haben. Auf diesem Trip hatte ich plötzlich Zeit, und außerdem sind einige sehr witzige Dinge passiert. Als ich die zu Hause einer Freundin erzählt habe, meinte sie: "Das wäre ein Film, den ich gerne sehen würde."

Was hat Ihr Mann, Francis Ford Coppola dazu gesagt?

Nun, er hat mich nicht gerade ermutigt, weil er dachte, ich würde das Projekt nicht finanzieren können. Er wollte mir die Enttäuschung ersparen. Und tatsächlich hat es sechs Jahre gedauert, bis ich das Geld beisammen hatte. Denn keiner wollte einen Film finanzieren, der keine Aliens, keine Spezialeffekte, keine Verfolgungsjagden – und keinen Sex hatte. Als es doch gelang und ich eine Regisseurin suchte, meinte mein Mann: "Warum machst du die Regie nicht selbst?"

Ihr Film erzählt von einer Frau, die an der Seite eines viel beschäftigten Mannes nach neuen Aufgaben sucht. Wie sehr konnten Sie sich damit identifizieren?

Ich habe das damals, vor dreißig Jahren, so ähnlich erlebt– wie es ist, wenn die Kinder ausziehen und man sich neu orientieren muss. Die Frau in meinem Film unternimmt diese Reise und lernt, dass ihr Glück weder von ihrem Mann, noch von jemand anders abhängt, sondern in ihren eigenen Händen liegt.

Sie selbst kommen ja aus einer Generation, wo die Rolle der Frau noch stark über die Familie definiert wurde?

Oh ja, ich komme definitiv aus so einer Generation. Ich wurde aufs College geschickt, um dort einen Mann zu finden, mit dem ich eine Familie gründen kann. Und es war klar, dass die Aufgabe der Frau darin bestand, den Mann zu unterstützen und für die Familie zu sorgen.

Unter welchen Bedingungen haben Sie Francis Ford Coppola kennen gelernt?

Ich bin ein paar Jahre älter als er, war damals schon als Künstlerin tätig und finanziell unabhängig. Ich war die Assistentin seines Artdirectors, und so haben wir uns kennen gelernt. Als wir ein Paar wurden, bin ich davon ausgegangen, dass wir in Zukunft weiterhin künstlerisch zusammen arbeiten werden. Doch dann wurde ich schwanger und wir haben Hals über Kopf in Las Vegas geheiratet. Und plötzlich stellte sich heraus, dass Francis sehr traditionell-italienisch dachte und in mir in erster Linie die Ehefrau und Mutter sah. Das war ein tiefer Schock für mich. Ab dann musste ich meine Karriere nebenher betreiben. So gesehen ist mein Spielfilm für mich ein großer Schritt, heraus aus diesem Schatten.

Aber hat nicht auch Ihre Doku "Hearts of Darkness" für Sie und Ihre Karriere einiges geändert?

Ja, das war ein großer Schritt für mich. Francis und ich hatten damals den Deal, dass jedes Mal, wenn er länger als zwei Wochen woanders drehte, die ganze Familie mit kam. Das erschien uns die einzige Möglichkeit, als Familie in der Unterhaltungsindustrie zu überleben. Als wir auf die Philippinen gingen, habe ich die Kinder dort in die amerikanische Schule eingeschrieben. Die Dreharbeiten dort zu "Apocalypse Now" waren qualvoll – für Frances, für die Familie, für jeden. Für mich war meine Doku eine Möglichkeit, einen Fokus und ein visuelles Leben zu behalten. Als der Film heraus kam, bekam er sehr gute Kritiken und plötzlich wurde ich komplett anders behandelt. Bis dahin war ich nur die Frau von So-und-So, und die Leute haben mir nicht einmal in die Augen geschaut. Und plötzlich, durch den Film, wurde ich wahrgenommen, als jemand, der ein Hirn hatte, einen Standpunkt.

In Ihrem Spielfilm sagt die Frau über ihren Mann: "Er sieht mich nicht als Künstlerin." Mussten Sie auch um diesen Status in Ihrer Ehe kämpfen?

Nein, Francis hat mich als Künstlerin akzeptiert, aber er hat mich nicht dabei unterstützt, zeitliche Freiräume zu schaffen. Ich komme aus einer Generation, wo man keine Kindermädchen hatte. Da hieß es gleich: "Wieso können Sie nicht selbst auf Ihre Kinder aufpassen? Was ist Ihr Problem, Lady?" Natürlich kann ich selbst auf meine Kinder aufpassen, aber das ist nicht der Punkt. Das erste, was ich daher zu meiner Tochter Sofia sagte, als sie Kinder bekam, war: "Such dir eine gute Nanny. Dann kannst du deine Arbeit gut machen und deine Familie genießen."

Stimmt es, dass Sie Sofias "Lost in Translation" zu Ihrem Filmdebüt inspiriert hat?

Ja, Leute haben mich oft gefragt, ob ich eifersüchtig auf Frances’ Filme bin und ob ich auch gerne Filme machen würde wie er. Aber es gibt keinen Film von ihm, den ich hätte machen wollen. Das hätte mir nicht entsprochen. Doch bei "Lost in Translation" war das anders, weil Sofia ihre persönlichen Erfahrungen in die Fiktion einfließen ließ. Das hat mich sehr inspiriert.

Sie haben einmal gesagt, dass das Muttersein Sie gut auf das Trouble-Shooting beim Filmemachen vorbereitet hätte?

Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, meinem Mann, meiner Tochter, meinem Sohn zu helfen. Ich war die Hilfskraft meiner ganzen Familie. Und plötzlich, als Regisseurin, stehen 45 Menschen um mich, dir mir helfen wollen. Das war eine unglaubliche Erfahrung.