Kultur
08.10.2012

Die Farbe Lila - Von Alice Walker

Komplett als Briefroman konzipiert, beschäftigt sich "Die Farbe Lila" gesellschaftskritisch mit den ganz großen Fragen der Menschheit.

Die Farbe Lila – diesen Titel kennt wohl fast jeder, auch wer den 1982 erschienenen Roman nicht gelesen, die Verfilmung von Steven Spielberg aus dem Jahr 1985 nicht gesehen hat.

Die Farbe Lila – das ist fast ein geflügeltes Wort nicht nur innerhalb der Frauenbewegung, denn diese drei Worte stehen für Hoffnung und Selbstverwirklichung. Die Farbe Lila – ein Buch, das die afroamerikanische Schriftstellerin Alice Walker berühmt machte und mittlerweile zu den Klassikern der Weltliteratur gehört.

Erzählt wird von Celie, einer 14-jährigen Schwarzen, die Anfang des letzten Jahrhunderts im Süden der USA aufwächst. Und es ist ein elendes Wachsen: Sie und ihre Schwester leiden unter Armut, sexuellem Missbrauch und brutaler Unterdrückung. Die Themenschwerpunkte des Romans sind sowohl der Rassismus weißer Amerikaner als auch die patriarchalische Unterdrückung schwarzer Frauen durch ihre Väter und Ehemänner. Letztere kommen dabei derart schlecht weg, dass viele männliche Afroamerikaner seinerzeit gegen Buch und Film demonstrierten. Celie hat einen langen, qualvollen Weg vor sich, den Alice Walker in intimer Nähe, aber ohne jede Sentimentalität beschreibt. Auch die zweite Hauptprotagonistin des Buches, die von der Autorin eindringlich gezeichnete Jazz-Sängerin Shug Avery, wird so lebendig wie selten eine literarische Figur. Durch die Hilfe dieser Musikerin erreicht Celie nicht nur ihre Unabhängigkeit, sondern schließlich auch so etwas wie Lebensfreude und Liebe.

Die 1944 in Georgia geborene Alice Walker gehört zu dem Dreigestirn der modernen afroamerikanischen Literatur: Neben ihr leuchten die Nobelpreisträgerin Toni Morrison und der durch seinen Roman "Roots" bekannte Alex Haley.

"Die Farbe Lila", Walkers dritter Roman, wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet (dem literarischen Oskar-Äquivalent) und gewann den renommierten American Book Award. An diesen immens großen Erfolg konnte Walker allerdings nie anknüpfen: Der Folgeroman "Im Tempel meines Herzens" von 1989 verkaufte sich nur mäßig, ihr letzter Roman von 2004 – eine homerische Odyssee aus weiblicher Perspektive – wurde bislang nicht ins Deutsche übersetzt. Ungebrochen aber ist Walkers politisches Engagement: Noch im Juni 2011 sieht man die 67-Jährige an Bord des Flaggschiffs internationaler Friedensaktivisten, die zum palästinensischen Gaza-Streifen aufbrechen.

Faszinierend wie der gesellschaftskritische Inhalt von "Die Farbe Lila" ist auch die Form: Komplett als Briefroman konzipiert, holt Alice Walker unglaublich viel aus dieser alten, von Goethe mit seinen "Leiden des jungen Werthers" erfundenen Gattung heraus. Der Großteil jener von Celie geschriebenen Briefe richtet sich direkt an Gott, später fließt aber auch der Briefwechsel mit ihrer nach Afrika verheirateten Schwester Nettie in den Roman ein. Berührend zu sehen, wie aus der einfachen, naiven Redeweise der 14-jährigen Celie über 200 Seiten hinweg die Sprache einer selbstbewussten Frau herauswächst. Die Übersetzung von Helga Pfetsch funktioniert dabei auch nach mehr als 25 Jahren, da Slang und grammatische Schwächen nur dezent eingesetzt werden.

"Die Farbe Lila" ist – und das macht den Text zu einem wichtigen Stück Weltliteratur – nicht nur ein feministisches Buch, ein emotional auch heute noch stark berührendes Frauenschicksal.

"Die Farbe Lila" ist ein allgemeingültiger Entwicklungsroman, der seine Hauptfigur durch die Hölle schickt, um sie zu verwandeln und um Antworten zu finden auf die großen Fragen der Menschheit.