Kultur
11.05.2017

Die Bastel-Biennale von Venedig

Die Hauptausstellung „Viva Arte Viva“ negiert die Gegenwart und propagiert ein naives Künstlerideal.

Was tun Künstler eigentlich den ganzen Tag? Ein Klischee sagt: Sie hängen herum. Diese Vorstellung wird am Eingang des Zentralpavillons der Venedig-Biennale, wo das erste Kapitel der HauptausstellungViva Arte Viva“ anhebt, bekräftigt – Fotos des dösenden Mladen Stilinović, genannt „Der Künstler bei der Arbeit“, hängen da unübersehbar. Gleich ums Eck belehrt dann Franz West, dass es bei der Kunst nicht ums Faulenzen, sondern um „Otium“, den kreativen Müßiggang, gehe.

Stand der Kunst

Die so genannte Internationale Ausstellung soll den Grundton der Biennale (bis 26.11.) vorgeben und auch etwas über den gegenwärtigen Stand der Kunst aussagen. Christine Macel, die Chefkuratorin des Events, hatte vorab betont, Künstler und Künstlerinnen in den absoluten Mittelpunkt der Schau setzen zu wollen – ein Gegenstatement zum Programm ihres Vorgängers Okwui Enwezor, der 2015 nach vielfacher Ansicht den politisch-systemkritischen Zeigefinger etwas zu oberlehrerhaft geschwungen hatte.

Nun aber offenbart Macel ein Verständnis von Kunst, das mehr der Bastelei gleicht als dem kreativen Umgang mit einem symbolisch und intellektuell reich bebauten Feld. Ideale der Moderne wie Reduktion und Konzentration gelten nichts in diesem Parcours, ebensowenig die Technologie und arbeitsteiliger Produktion, die heute in vielen Künstlerateliers üblich ist. Das Leitmedium dieser Biennale ist nicht der 3D-Drucker, es ist das Wollknäuel.

Gleichwohl scheint Macel von der Idee besessen zu sein, dass das, was in des Künstlers Werkstatt – sozusagen hinter der Bühne – passiert, grundsätzlich interessanter ist als die Präsentation auf der Bühne selbst. Im Zentralpavillon begegnet einem gleich mehrfach die Atelieratmosphäre als Ausstellungsstück: Olafur Eliassons Lampenbau-Workshop mit Migranten, ursprünglich in Francesca Habsburgs „TBA21“ im Wiener Augarten gestartet, hat einen prominenten Platz.

Auch sonst wird eifrig genäht, gestickt, gehäkelt: Im Arsenale fordert der philippinische Künstler David Medalla Besucher auf, Dinge auf ein Stoffband zu nähen; der Taiwanese Lee Mingwei hat farbige Zwirnrollen an der Wand montiert, die wiederum als Materialquelle für einen Pullover-Flicktisch dienen. Die Häkel-Ästhetik durchzieht die gesamte Schau, was in Anbetracht ihrer Größe schlichtweg extrem ermüdend und öde ist: Nicht nur fehlen große, prägnante Arbeiten, es mangelt auch am Gefühl dafür, die Räume wirken zu lassen und Spannung zu steuern.

Kunsterziehung

Dabei hat Macel durchaus vor, zu einem alternativen Kunstbegriff hinzuführen. Sie hat den Weg in mehrere Kapitel unterteilt, die sie „Pavilions“ nennt – es gibt welche für „die Gemeinschaft“, für „die Erde“, für „Traditionen“, für „Schamanen“. Jawohl, Schamanen: Denn das Esoterische darf hier wieder Kunst sein. Ernesto Netos igemeinsam mit Amazonas-Bewohnern gebauter Ritual-Ort – auch er war schon bei TBA21 in Wien zu sehen – macht es vor.

Nun ist es beileibe keine neue Idee, Kunstschaffen abseits des westlichen Kanons zu zeigen. Auch die gemeinschaftsbildende Funktion der Kunst wurde vielfach erprobt: Anna Halprins hippie-eske „Planetentänze“ sind ein Beispiel dafür in der Ausstellung. Anno 2017 wirkt aber solche Ästhetik nur noch als neo-biedermeierliche Weigerung, sich mit den Umbrüchen in der Welt auseinanderzusetzen. Als Schlusspunkt hat die Kuratorin dann tatsächlich eine Wand bunter Wollballen ans Ende der langen Arsenale-Halle gesetzt. Man kann mit dem Kopf hineinrennen und weinen.