Die Bastel-Biennale von Venedig

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Foto: Michael Huber Eindrücke von der Biennae Venedig 2017

Die Hauptausstellung „Viva Arte Viva“ negiert die Gegenwart und propagiert ein naives Künstlerideal.

Was tun Künstler eigentlich den ganzen Tag? Ein  Klischee sagt: Sie hängen herum. Diese Vorstellung wird am Eingang des Zentralpavillons der Venedig-Biennale, wo das erste Kapitel der Hauptausstellung „Viva Arte Viva“ anhebt,   bekräftigt – Fotos des dösenden Mladen Stilinović, genannt „Der Künstler bei der Arbeit“, hängen da unübersehbar. Gleich ums Eck belehrt dann Franz West, dass es bei der Kunst nicht ums Faulenzen, sondern um „Otium“, den kreativen Müßiggang, gehe.

Stand der Kunst

Die so  genannte Internationale Ausstellung soll den Grundton der Biennale (bis 26.11.)  vorgeben und  auch etwas über den gegenwärtigen Stand der Kunst aussagen. Christine Macel, die Chefkuratorin des Events, hatte vorab betont, Künstler und Künstlerinnen in den absoluten Mittelpunkt der Schau setzen zu wollen – ein Gegenstatement zum Programm ihres Vorgängers Okwui Enwezor, der 2015 nach vielfacher Ansicht den politisch-systemkritischen Zeigefinger etwas zu oberlehrerhaft  geschwungen hatte.

MainShowArtistAsleep.jpg Foto: Michael Huber Nun aber offenbart Macel ein Verständnis von Kunst, das mehr der Bastelei gleicht als dem kreativen Umgang mit einem symbolisch und intellektuell reich bebauten Feld. Ideale der Moderne wie Reduktion und Konzentration gelten nichts in diesem Parcours, ebensowenig die  Technologie und arbeitsteiliger Produktion, die heute in vielen Künstlerateliers üblich ist.  Das Leitmedium dieser Biennale ist nicht der 3D-Drucker, es ist das Wollknäuel.

Gleichwohl scheint Macel von der Idee besessen zu sein, dass das, was in des Künstlers Werkstatt –  sozusagen hinter der Bühne  – passiert, grundsätzlich interessanter ist als die Präsentation auf der Bühne selbst. Im Zentralpavillon begegnet einem  gleich mehrfach die Atelieratmosphäre als Ausstellungsstück: Olafur Eliassons Lampenbau-Workshop mit Migranten,  ursprünglich in Francesca Habsburgs  „TBA21“ im Wiener Augarten gestartet, hat einen prominenten Platz.

MainShowEliassonGreenLight.jpg Foto: Michael Huber Auch sonst wird  eifrig genäht, gestickt, gehäkelt: Im Arsenale fordert der philippinische Künstler David Medalla Besucher auf, Dinge auf ein Stoffband zu nähen; der Taiwanese Lee Mingwei hat farbige  Zwirnrollen an der Wand montiert, die wiederum als Materialquelle für einen Pullover-Flicktisch dienen. Die Häkel-Ästhetik durchzieht die gesamte Schau, was in Anbetracht ihrer Größe schlichtweg extrem ermüdend und öde ist: Nicht nur fehlen große, prägnante Arbeiten, es mangelt auch am Gefühl dafür, die  Räume wirken zu lassen und  Spannung zu steuern.  

Kunsterziehung

Dabei hat Macel durchaus vor, zu einem alternativen Kunstbegriff hinzuführen. Sie hat den Weg   in mehrere Kapitel unterteilt, die sie „Pavilions“ nennt – es gibt welche für „die Gemeinschaft“, für „die Erde“, für „Traditionen“, für „Schamanen“.    Jawohl, Schamanen: Denn das Esoterische darf hier  wieder Kunst sein. Ernesto Netos igemeinsam mit  Amazonas-Bewohnern gebauter Ritual-Ort – auch er war schon bei TBA21  in Wien zu sehen  – macht es vor.

SheilaHicks.jpg Foto: Michael Huber Nun ist es beileibe keine neue Idee, Kunstschaffen abseits des westlichen Kanons zu zeigen. Auch die  gemeinschaftsbildende Funktion der Kunst wurde vielfach erprobt: Anna Halprins hippie-eske „Planetentänze“  sind ein Beispiel dafür  in der Ausstellung.   Anno 2017 wirkt aber  solche Ästhetik nur noch als neo-biedermeierliche Weigerung, sich mit den Umbrüchen in  der Welt auseinanderzusetzen.   Als Schlusspunkt hat  die Kuratorin dann tatsächlich eine Wand bunter Wollballen ans Ende der langen Arsenale-Halle gesetzt. Man kann mit dem  Kopf hineinrennen und weinen.

Blick in den Spiegel in Brigitte Kowanz' Lichtbox im österreichischen Pavillon Ähnliche Form, anderer Inhalt: Im Schweizer Pavillon setzt sich Carol Bove mit Alberto Giacometti auseinander. Neonlichter, etwas anders: Der koreanische Pavillon gehört außen ebenfalls zu den "Eyecatchern" in den Giardini. Im Inneren des Korea-Pavillons paraphrasiert Künstler Cody Choi Rodins "Denker" - die Skulptur besteht u.a. aus Klopapier. Das Medium Leuchtreklame taucht auch in der Hauptausstellung auf: "Study Art" von John Waters, 2007 Im deutschen Pavillon ist Headbanging angesagt: Anne Imhofs Performance-Parcours "Faust" schafft bedrückende Atmosphäre. Anne Imhof, deutscher Pavillon Olafur Eliassons "Green Light Workshop", bei dem Migranten Lampen bauen, startete zuerst bei TBA21 in Wien - jetzt hat er einen prominenten Platz im Biennale-Hauptpavillon. Im Zentral-Pavillon huldigt man auch dem 2005 verstorbenen Künstler Raymond Hains. Yelena Vorobyeva & Viktor Vorobyev: "The Artist Is Asleep" - im Zentralpavillon der Biennale Venedig Yee Sookyung (Korea) baute eine Riesenskulptur aus gebrochenen Vasen Ein Sneaker-Store als Kleingarten: Installation von Michel Blazy (Frankreich) im Arsenale, Biennale Venedig "Good Intentions" ("Gute Absichten") nennt die Russin Irina Korina dieses Arrangement. Wolle als "Farbfeuerwerk" am Schluss:  Sheila Hicks, "Escalade Beyond Chromatic Lands", Arsenale
(KURIER) Erstellt am
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