Kultur 08.01.2012

Die ARTE-Chefin über ihre neuen Pläne

Interview: ARTE-Chefin Véronique Cayla will mit einem neuen Programmschema noch mehr Kultur vermitteln als bisher.

Sie weiß, wie man Aufsehen erregt. Wie man ein Publikum findet und es begeistert. Bevor Véronique Cayla im Jänner 2011 zur ARTE -Präsidentin avancierte, war die 61-jährige Politikwissenschaftlerin Generaldirektorin der Filmfestspiele von Cannes.

KURIER: Madame Cayla, Sie sind nun seit einem Jahr im Amt. Konnten Sie das umsetzen, was Sie sich vorgenommen hatten?

Véronique Cayla: Durchaus. Die ersten Monate nach meinem Amtsantritt habe ich erst einmal genutzt, um die Teams in Baden-Baden, Straßburg und Paris sowie die Intendanten der deutschen Fernsehanstalten kennenzulernen. Nach dieser ersten Etappe ging es an die Entwicklung einer Senderstrategie für die kommenden Jahre und die Aufstellung der Wirtschaftspläne. Dies war in diesem Jahr besonders wichtig, da wir unseren Mittelbedarf sowohl bei der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten in Deutschland als auch beim französischen Staat anmelden mussten. Letzterer bewilligte uns für den Zeitraum 2012– 2016 eine jährliche Mittelerhöhung um 3,8 %. Diese beträchtliche Aufstockung in einer so angespannten Haushaltslage ermutigt uns sehr.

Sie forcieren die Internet-Plattformen von ARTE. Ist die digitale Zukunft des Senders das, worauf Sie setzen?

Ja. Die Jüngeren sind begeistert von den Möglichkeiten des Internet. Sie haben sich schon vom linearen Fernsehen verabschiedet und nutzen die unzähligen Bildschirme, die ihnen zur Verfügung stehen: Rechner, mobile Endgeräte, Tablet-Computer, Smartphones. Wenn ARTE weiter eine Referenzmarke für hochwertige Inhalte bleiben will, muss der Sender unbedingt in diesen Medien präsent sein.

Warum soll sich ein Zuschauer die Sendungen auf ARTE ansehen?

An erster Stelle würde ich die Freude am Entdecken nennen. Bei ARTE können sich die Zuschauer auf intelligente Weise bilden und unterhalten.

Sie starten nun ein neues Sendeschema, das die Kulturvermittlung betont und zwei neue Kultursendungen, „Square“ und „Abgedreht“, bringt. Liegt da für Sie der Schwerpunkt? Oder ist ARTE nicht auch ein politischer, ein Europa erklärender und verbindender Sender?

ARTE muss Maßstäbe setzen und beide Aspekte miteinander verbinden. Zweifellos hat der Sender eine politische Rolle zu spielen. Insofern ist der europäische Auftrag von ARTE notwendiger denn je. In der gegenwärtigen Krise bieten wir Orientierungspunkte und machen deutlich, dass die europäische Identität nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell fundiert ist. Darüber hinaus muss ARTE inhaltlich ein Sender des kreativen Schaffens sein und sich allen Formen der Kultur öffnen – von den populärsten bis zu den anspruchsvollsten. Nur so kann er die Kultur allen Zuseherkreisen nahebringen.

Sind kleine Länder wie Österreich relevant für ARTE?

Österreich, die Schweiz und Belgien sind sehr wichtig für uns. Mit den öffentlich-rechtlichen Sendern dieser Länder haben wir langjährige Partnerschaften, in deren Rahmen hervorragende Koproduktionen entstehen. Ich erinnere mich an die wunderbare Inszenierung von „Anna Bolena“ mit Anna Netrebko und Elina Garanča, die wir in Zusammenarbeit mit dem ORF live aus der Wiener Staatsoper übertragen haben. Zum Jahreswechsel 2011/’12 waren wir wieder dort: mit der Live-Übertragung der „Fledermaus“. Übrigens stellen wir mit Befriedigung fest, dass unsere Einschaltquoten in Österreich kontinuierlich ansteigen.

Programmschema: Schaufenster auf das Kulturgeschehen

Seit Samstag, dem 7. Jänner, ist das neue ARTE -Programmschema in Kraft. Das Wochenende wird dabei zum kulturellen Schaufenster des Senders ausgebaut: Sonntagvormittag beteiligt sich ARTE an der Debatte aktueller kultureller Themen – in Form eines wöchentlichen Gesprächs mit einem europäischen Intellektuellen oder Künstler. Am Sonntagnachmittag erwartet den Zuschauer die Programmfläche „Kultur à la carte“, die Kulturdokus, Bühnenkunst, das neue Kulturmagazin „Abgedreht“ und die etablierte Musiksendung „Maestro“ umfasst.

Samstagabend wendet sich die „Tracks Night“ an ein jüngeres Publikum. Auf dem Programm stehen Sendungen wie „Popkultur“ und „Tracks“ sowie die neuen Formate „ARTE Creative“ und „ARTE Live Web Pop“, die das Fernseh- und Webangebot verbinden.

Der Montag ist für Kinoklassiker reserviert, der Dienstag für investigative Dokumentationen. Am Mittwoch werden hochkarätige Autorenfilme gezeigt, am Donnerstag Serien, am Freitag Fernsehfilme.

( Kurier ) Erstellt am 08.01.2012