Kultur
16.03.2018

Diagonale: Provinzflucht und die Sehnsucht nach dem Land

Filme aus und über die Provinz beim Filmfestival in Graz.

Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein – es sei denn, man lebt auf einem abgeschiedenen Bergbauernhof und wird vom Großbauern tyrannisiert.

Das Ländliche als Sehnsuchtsort und Naturidyll wird endlos beschworen im österreichischen Nachkriegskino und dessen Heimatfilm, der im Weißen Rössel zu Hause ist. Vor malerischer Berglandschaft lässt sich der Zweite Weltkrieg und Österreichs Rolle darin leichter vergessen. Doch das Land war längst nicht nur Zufluchtsfantasie gestresster Stadtbewohner und pittoresker Anreiz für Touristen, sondern auch abgeschiedener Schauplatz harter Arbeit und innerer Borniertheit.

Genau dieses Spannungsverhältnis zwischen Metropole und Provinz verhandelt das diesjährige historische Special "Kein schöner Land – Blicke in die Provinz, Blicke aus der Provinz" auf der Diagonale in Graz – unter Beteiligung von Österreichischem Filmmuseum, Filmarchiv Austria und dem ORF-Archiv.

Ein Privatfilm erholungssuchender Reisender trägt das Programm schon im Titel: "Urlaub in den österreichischen Bergen" (1940–45) zeigt das Ehepaar Landstätter beim Marsch durch gebirgige Landschaft. Mitten unter ihre Amateuraufnahmen haben die flotten Touristen Bilder eines Kauffilms geschnitten, der lehrbuchhaft das Leben auf dem Land erklärt: Glückliche Ferkel suhlen im Dreck, grinsende Bauern mähen im harmonischen Gleichschritt satte Wiesen. Diese Form idyllisierender Gemeinschaftsarbeit hätte Franz Innerhofer in der bitteren Abrechnung mit seiner Kindheit auf dem Bergbauernhof in dem Roman "Schöne Tage" niemals zugelassen.

Auch in der erstrangigen ORF-Verfilmung "Schöne Tage" (1981) von Fritz Lehner brüllt der Bauer seine mähenden Dienstboten wie Leibeigene über die Wiese. Wer nicht mitkommt, wird hinausgeschmissen oder hängt sich auf. Der gedemütigte Sohn des brutalen Bauern hasst die Natur und deren einsame Schönheit; Provinzflucht in die Stadt bleibt ihm einziger Ausweg.

Schock seines Lebens

Auch die Arbeitslosen im niederösterreichischen Schlöglmühl setzen ihre Hoffnungen auf die Stadt: Nachdem die heimische Papierfabrik schließt und rund 300 Menschen gekündigt werden, geht die Dorfgemeinde vor die Hunde. Egon Humer beobachtet in "Postadresse: 2640 Schlöglmühl" (1990), einem Klassiker des österreichischen Dokumentarfilms, mit mitfühlender Klarsicht den Prozess eines Niedergangs. Niedergeschmetterte Arbeiter berichten vom Verrat ihres Arbeitskampfs und der Entmündigung durch Politiker. Man wäre bis nach Wien gefahren, um dort gegen die Entlassungen zu demonstrieren, erzählt ein Mann. In Wien hätte er dann den Schock seines Lebens erhalten. Denn eine alte Frau sei auf ihn zugekommen und hätte geschrien: "Gfraster, geht’s nach Haus oarbeitn!"

Dass das brennende Heimweh nach dem Land und seinen (Tiroler) Berggipfeln auch mit ein Grund zum Tode sein kann, erzählt die schöne Wettbewerbs-Doku "Bruder Jakob, schläfst du noch?" von Stefan Bohun.

Einer von Bohuns vier Brüdern, Jakob, hat sich vor zwei Jahren umgebracht, nun begeben sich die übrigen Geschwister auf die emotionale Spurensuche. Jakob hatte zuletzt mit seiner Familie in Portugal gelebt und seine drückende Einsamkeit und die wachsende Depression (auch) mit der Sehnsucht nach den österreichischen Bergen erklärt. Und genau dort, auf einem gemeinsam bestiegenen Berggipfel, versammeln sich seine Bruder noch einmal, weinend – und nehmen Abschied.