Diagonale-Festival eröffnet mit "Spanien"

Gregoire Colin, Tatjana Alexander
Foto: Filmladen In ihren Sehnsüchten vereint: Sava (Gregoiré Colin) sucht ein besseres Leben in Spanien, Magdalena (Tatjana Alexander) die große Liebe.

Regisseurin Anja Salomonowitz hat mit Dimitré Dinev "Spanien" geschrieben: ein Drama über Süchte, Flucht, Liebe.

Die Regisseurin und der Schriftsteller – sie ergänzen einander gut: Anja Salomonowitz, die intellektuelle Filmemacherin, drechselt seminararbeitsreife Sätze; Dimitré Dinev erdet diese mit dem ihm eigenen Witz. Der Autor von "Engelszungen" hat mit Salomonowitz das Drehbuch zu deren erstem Spielfilm, "Spanien", geschrieben. Keine leichte Kost, kein Unterhaltungsstück, sondern Kinokunst mit aktuellen politischen Bezügen: ein illegaler moldawischer Immigrant, der in der österreichischen Provinz strandet und sich in die Ex-Frau eines Fremdenpolizisten verliebt. Dazu ein Familienvater, der alles im Casino verspielt. Menschen voll Sehnsucht, Eifersucht, Spielsucht. "Spanien" eröffnet am Dienstag die Diagonale, das Festival des österreichischen Films, in Graz.

KURIER: Frau Salomonowitz, Herr Dinev, denken Sie, dass das nicht durchwegs cineastische Gala-Publikum in Graz Ihren komplexen Film goutieren wird?

Anja Salomonowitz: Natürlich ist der Film schwierig, und ich bin schon gespannt, wie die Reaktionen sind.

Dimitré Dinev: Trotz allem glaube ich, dass er auch eine Leichtigkeit hat. Ich finde, man soll den Leuten viel zumuten.

Salomonowitz: Also, für mich ist das ein Kompliment, wenn Sie sagen, der Film ist keiner, in den man sich hineinsetzen und berieseln lassen kann. Mir ist es darum gegangen, Dimitrés Welt – diese Transzendenz, die im Drehbuch ist – einzufangen. Zu zeigen, dass es auch Raum zwischen den Bildern gibt. Dass da eine Welt ist, wo es reale Begebenheiten gibt, aber wo es auch eine andere Ebene gibt. Wenn man den Film sieht, hat man einerseits das Gefühl, er ist etwas sehr Konkretes in seiner braunen Farblichkeit. Gleichzeitig gibt es einen Raum, wo zum Beispiel das Wunder der Liebe stattfinden kann. Wo man das Gefühl hat, dass man nichts sieht, obwohl man viel sieht.

Dinev: Es gibt eine verborgene Geschichte, die verfolgt wird, ohne dass sie je explizit gezeigt wird. Man denkt sich die ganze Zeit: Wie ist diese Geschichte gelaufen? Was ist da geschehen zwischen dem Ehepaar, das geschieden wurde? Jeder kann sich selbst eine Antwort geben. Das ist eine Ebene, die die Neugier noch verschärft.

Am unsympathischsten wirkt die Figur des Fremdenpolizisten, dargestellt von Cornelius Obonya.

Salomonowitz: Also, die Rolle des Fremdenpolizisten spaltet. Albert ist eine sehr leidenschaftliche Figur. Am Anfang des Films steht er für etwas Realpolitisches – wenn er die betrunkene Frau in ihrer Wohnung besucht und prüft, ob sie in einer Scheinehe lebt. Im Lauf des Films wird er dann zu einer poetischen Figur und sucht nach Worten. Leidenschaft reduziert einen, man wird sehr eindimensional. Es gibt Leute, die sagen, das ist total übertrieben und andere, die das wieder ganz großartig finden, dass er das Übertriebene seiner Figur auch spiegelt. Er ist in so einem Wahn, wo er selbst auch wahnwitzig wird.

Der Überraschungscoup ist Ihnen mit dem Franzosen Gregoiré Colin, der den illegalen Einwanderer spielt und den man hauptsächlich aus Claire-Denis-Filmen kennt, gelungen.

Dinev: Das war wirklich lustig mit Gregoiré, weil er überhaupt nicht Deutsch konnte und gewisse Sätze einfach nicht aussprechen konnte. Sein Text hörte sich für ihn an wie Japanisch. Es gibt Worte, die sind für Franzosen unpackbar – wir lachten uns blöd. Die Dialogszenen haben wir dann so gemacht, dass er die Sätze einmal vor sich hin sagte. Wenn wir gesehen haben, es geht gar nicht, mussten wir nach Worten suchen, die er auch sagen konnte. Das war schlimmer als ein Libretto zu schreiben.

Wie darf man sich Ihre Zusammenarbeit am Set vorstellen?

Dinev: Ich war nicht am Set. Das ist mir zu langweilig. Bei einem Film kann ich nicht einmal sagen, ob die Szene, die da gerade gespielt wird, dann auch drin ist. Zwischen dem, was ich da sehe und dem, was sein wird, ist ein ganzer Kosmos im Film. Drehbuchschreiben ist total schön, aber was danach kommt, ist für einen Autor total unbefriedigend.

Salomonowitz: Es war von vornherein klar, dass, wenn das Drehbuch da ist, es mir Dimitré übergibt und ich damit tun kann, was ich will. Es war schön, sein Vertrauen zu haben. Und für ihn war es spannend zu sehen, was ich draus gemacht habe.

Gutes Team: Er dachte, sie schrieb auf

Anja Salomonowitz 1976 in Wien geboren. Filmausbildung in Wien und Potsdam-Babelsberg. Ihr erster Film war die Dokumentation "Das wirst du nie verstehen", in der sie ihre jüdische Familiengeschichte aufarbeitet. Zuletzt war die Doku "Kurz davor ist es passiert" zu sehen. Über die Arbeit mit Dinev sagt sie: "Er saß meist denkend da, ich tippte in den Computer."

Dimitre Dinev 1968 im bulgarischen Plovdiv geboren und aufgewachsen. Besuchte das deutschsprachige Bert-Brecht-Gymnasium. 1990 floh er nach Österreich, nahm Gelegenheitsjobs an, studierte Russische Philologie und Philosophie. Seit 1991 schreibt er in deutscher Sprache. Den Durchbruch schaffte Dinev 2003 mit seinem Familienroman "Engelszungen".

(kurier) Erstellt am
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