Kultur
21.03.2012

Diagonale-Blog: Das Filmfestival ist eröffnet

Tag 1: Die Diagonale wurde von Salomonowitz Film "Spanien" eröffnet und Johannes Silberschneider freute sich richtig über seine Auszeichnung.

Es gab keine Überraschungen bei der Diagonale-Eröffnung am Dienstagabend in der mit dem Charme einer Großkantine ausgestatteten Helmut-List-Halle: Intendantin Barbara Pichler ärgerte sich in ihrer Eröffnungsrede über die Sparwut und die Kürzungen der Mittel für ihr Festival und für Kunst generell. Zu Recht: Die Verantwortung für Kunst und Kultur ist genauso groß wie jene für ein funktionierendes Gesundheitssystem oder Verkehrsnetz. Anja Salomonowitz` Eröffnungsfilm ,Spanien`, komplexes, in mehrere Handlungsstränge unterteiltes Kopf-Kino, wurde vom p.t. Publikum verhalten aufgenommen. Die Schauspieler - allen voran die ätherisch schöne Tatjana Alexander - bekamen viel Applaus, mehr als die Regisseurin. Anja Salomonowitz ist eben nicht jedermanns Sache - obwohl oder weil sie sehr klug und sehr liebenswürdig ist.

Richtig gefreut hat sich Johannes Silberschneider über seine Auszeichnung mit dem Großen Diagonale-Schauspielpreis. Eine Art Holzkistl, gestaltet von Elfie Semotan, wurde ihm überreicht und er war glücklich, weil er noch nie in seinem Leben einen Preis erhalten hatte. Er spielt übrigens gerade am Grazer Schauspielhaus im Kehlmann-Stück ,Geister in Princeton` und fühlt sich bei Anna Badora gut aufgehoben. Was die Schauspielhauschefin hier an tollem Theater bietet (von Jelineks ,Rechnitz (Der Würgeengel)` bis zu Ibsens ,Nora oder Ein Puppenhaus`) sollte man sich nicht entgehen lassen. Wann immer man Pause vom Kino braucht: Ab in die Hofgasse!

Graz als vibrierende Kultur- und Partymaschine

Überhaupt ist es Jahr für Jahr faszinierend zu beobachten, wie sich Graz für fünf, sechs Tage im März wieder in die vibrierende Kultur- und Partymaschine verwandelt, die sie schon 2003, bei ihrer Initialzündung als Kulturhauptstadt, war: Da kreiert ein Bäcker, Hubert Auer, ein eigenes Diagonale-Erdbeertartelette; da stehen in jeder Auslage vom Friseur bis zum Juwelier Diagonale-Sackerl und -Gimmicks wie Taschen und Bleistifte. Da wehen in jeder größeren Straße wie bei der 14.-Juli-Parade auf den Champs-Elysées Diagonale-Fahnen. Da rennt einem im Minutentakt ein Künstler oder Filmbranchenmensch über den Weg: Produzent Veit Heiduschka erzählt von seiner nicht immer unanstrengenden Zusammenarbeit mit Altmeister Michael Haneke, der mit ,Amour` wieder in Cannes sein wird und von jener mit Jungspatz Umut Dag - offenbar auch anstrengend. Beim Frühstück im ,Weitzer` trifft sich die wichtige österreichische Filmkritik und im Café Schwalbennest auf der anderen Uferseite vom Kunsthaus sitzen die weniger wichtigen Kollegen in der Sonne.

Die Filme am ersten richtigen Festivaltag, natürlich: Sebastian Meise gibt mit seinem Spielfilm ,Stillleben` und der themenaffinen Dokumentation ,Outing` verstörende Einblicke in die Gedankenwelt Pädophiler. Wobei die Dokumentation, in der ein 19-Jähriger ganz offen über seine nur schwer im Zaum zu haltende Neigung für Kinder spricht, wesentlich eindringlicher ist als der Spielfilm. Arash T. Riahi kehrt mit ,Nervenbruch Zusammen Gehabt` wieder zurück ins Übergangswohnheim für obdachlose Frauen in Wien, in dem er schon im Jahr 2000 gedreht hat. Dariusz Kowalski entführt in seiner Doku ,Richtung Nowa Huta` in Geschichte und Gegenwart der kommunistischen Stahlarbeitersiedlung nahe Krakau und hat dabei viele gute Momente. Schließlich ,Der Papst ist kein Jeansboy`, Sobo Swobodniks trauriges Porträt von Hermes Phettberg, der, von seinen Schlaganfällen gezeichnet, nur mehr in seiner Wohnung in Gumpendorf sitzt und sich an bessere Zeiten erinnert.

Warum gibt es in Österreich eigentlich keine geistvollen Filme, bei denen man auch ab und zu lachen darf?

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Hintergrund

Mehr zum Thema

  • Hintergrund

  • Blog

  • Blog

  • Hauptartikel