Kultur
05.12.2011

Desaströs: "Die Frau ohne Schatten"

"Die Frau ohne Schatten" bei den Salzburger Festspielen ist musikalisch auf atemberaubendem Niveau zu erleben, szenisch jedoch gar nicht.

Es gibt etwas, das im Theater, insbesondere im Musiktheater unendlich nervt: Wenn vor einer Aufführung seitenlange Erklärungen verteilt werden müssen, wie eine Inszenierung zu verstehen sei. Das war etwa in Bayreuth schon mehrfach der Fall. Oder wenn, wie nun in Salzburg passiert, schon im Vorfeld betont wird, dass man die Regie nur kapieren werde, wenn man davor die persönliche Inhaltsangabe des Regisseurs gelesen hat. Als handle es sich um die Bedienungsanleitung für ein Elektrogerät. Oder den Beipackzettel eines Medikamentes mit der Warnung vor Nebenwirkungen: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker ...

Eine Inszenierung, die sich mit dem Werk auseinandersetzt, dieses interpretiert, egal, ob traditionell oder neu, muss selbsterklärend sein. Wenn sich ein Regisseur dieser Grundvoraussetzung verweigert, möge er doch das betreffende Werk bitte nicht inszenieren.
Dies als Vorbemerkung zur Nachbetrachtung eines Abends, von dem man nicht nur in Salzburg noch lange reden wird. Der Nachhall hat jedoch musikalische Gründe.

Ereignis

Christian Thielemann, der am meisten begehrte Dirigent für das deutsche Opernfach, der in Salzburg ab 2013 mit der Sächsischen Staatskapelle allösterlich Residenz beziehen wird, debütierte als Operndirigent bei den Festspielen. Am Pult der Wiener Philharmoniker, mit denen er bei diesem Repertoire eine künstlerische Einheit bildet, die ihresgleichen sucht. Die Premiere der "Frau ohne Schatten" von Richard Strauss kann mit zwei Worten am besten bezeichnet werden: Ereignis; und: Sternstunde.
Thielemann sorgt mit den Musikern für einen einzigartigen Klang, phänomenale Farbenpracht, für Präzision und Raffinesse, die man bei diesem Werk garantiert nirgendwo anders erlebt. Die Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten, die solistischen Feinheiten, der Mut zur Schönheit bei der Entwicklung des Streicherklanges, aber auch bei den Holz- und Blechbläsern, zur Aufsplittung der komplexen Partitur in zarteste Kleinode sind gigantisch.
Unter Thielemann wird die "Frau ohne Schatten" tatsächlich zum Strauss'schen Zentralwerk, bei dem "Elektra", "Ariadne" und "Rosenkavalier" mitschwingen und zwischendurch sogar an Wagners romantischen Klangkosmos erinnert wird. Und die aktuelle philharmonische Generation spielt das Werk so bezwingend, wie man es nicht einmal auf Aufnahmen der sogenannten Giganten hört.

Apropos Aufnahmen: Christof Loy, der Regisseur, geht szenisch von einer Platteneinspielung unter Karl Böhm in den 1950er-Jahren aus. Die hat dieses Werk wieder zurück auf die Spielpläne gebracht, war also ein Meilenstein. Loy stellt den ganzen, knapp fünfstündigen Abend lang die Aufnahmesituation nach. In den nachgebauten Sofiensälen, was historisch falsch ist: Dort wurde zwar viel eingespielt, etwa der legendäre Solti-"Ring", nicht aber die "Frau ohne Schatten". Die wurde im Musikverein aufgenommen.

Loy stellt die Kaiserin ins Zentrum, die sich in ein Ensemble einfügen muss, komplizierte Beziehungen unter Kollegen mitbekommt und nach und nach eins mit ihrer Rolle wird. Mit der Tochter des Geisterkönigs Keikobad, die den Kaiser liebt. Die nur bei ihm bleiben darf, wenn sie innerhalb eines Jahres einen Schatten wirft. Die diesen mithilfe der Amme bei der Frau des Färbers Barak sucht, die sie für den Deal - Schatten und Fruchtbarkeit gegen Reichtum - begeistern kann. Die aber nach harten Prüfungen mit dem Paar mitfühlt, auf den Schatten verzichtet, so erst richtig zur Menschin wird und den Kaiser vorm Versteinern rettet.

Stehpartie und Topsänger

Die Idee, aus der Plattenaufnahme die Geschichte zu entwickeln, ist raffiniert. Und man ist zunächst gewillt, sie und die hübsche Ästhetik auch zu mögen. Schon bald stellt sich aber szenische Lähmung ein und die Meta-Ebene auf der Bühne als theatralisch unpraktibel heraus. Alles Zauberhafte des Märchens von Hugo von Hofmannsthal findet nicht statt. Man versteht bei dem Stehtheater die eigentliche Handlung nicht mehr. Loy verweigert auch das glückliche Finale, indem er eine ironische Auseinandersetzung mit Österreich (Weihnachts-Kitschkonzert mit den Sängerknaben) ans Ende stellt.
Nun kann man intellektuell schönreden, was immer man will, auch diese Regie. Unterm Strich führt sie aber ins Desaster und ist eine Frechheit. Wenn schon Theater im Theater: Hätte Loy doch besser eine DVD-Aufnahme nachgestellt ...


Die sängerischen Voraussetzungen für einen fabelhaften gesamttheatralischen Abend wären jedenfalls gegeben. Der Heldentenor Stephen Gould ist ein Kaiser mit guter Höhe, metallischem Glanz und schönem, fast baritonalem Timbre. Wolfgang Koch gibt optisch einen Buchhalter und sängerisch einen berührenden Barak mit nobler Phrasierung und Wärme in der Stimme. Eine Gigantin ist Evelyn Herlitzius in ihrer Gestaltung der Färberin: Hochdramatisch, intensiv, aber nie schrill, was dank Thielemanns kammermusikalischem Zugang möglich ist. Die Wagner-gestählte Michaela Schuster besticht als Amme, während Anne Schwanewilms als Kaiserin zunächst erfreulich lyrisch, dann jedoch am Limit agiert.
Gut besetzt sind sämtliche kleinere Rollen, vom Geisterboten (Thomas Johannes Mayer) bis zur Stimme des Falken (Rachel Frenkel).
Euphorische Zustimmung für Thielemann, fast zu milder Protest gegen die Regie.

Fazit: Hörgenuss

Das Werk: "Frau ohne Schatten" von Strauss und Hofmannsthal wurde 1919 in Wien uraufgeführt.

Die Musik: Thielemann und das Orchester agieren grandios.

Die Szenerie: Fades Stehtheater mit einem einzigen (akustischen) Vorteil: Die Sänger können fast aktionslos singen.

KURIER-Wertung: ***** von *****
(für den musikalischen Abend)

KURIER-Wertung: *
von *****
(für die Inszenierung)