Kultur
05.12.2017

Der WikiLeaks-Gründer als Machtkritiker und Macho

Österreich-Premiere von "Risk", Laura Poitras’ tolle Doku über Julian Assange bei "this human world".

Es sei ihr rätselhaft, warum er ihr überhaupt vertraue, sagt Laura Poitras: "Ich glaube nicht, dass er mich mag."

Die Rede ist von Julian Assange, dem Gründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks. Die amerikanische Filmemacherin Laura Poitras, die für ihre brillante Doku "Citizenfour" über Edward Snowden den Oscar erhalten hat, zeichnet ein ambivalentes, faszinierendes Porträt des weißhaarigen Australiers: "Risk" feiert am Mittwoch (20.15 Uhr, Filmcasino) seine Österreich-Premiere – und zwar im Rahmen des International Human Rights Film Festival "this human world" (siehe unten).

"Risk" wurde 2016 auf dem Filmfestival in Cannes gezeigt und brachte Poitras viel Schelte ein. Assange selbst wurde fuchsteufelswild, als er den Film erstmals zu Gesicht bekam und stieß – ausgerechnet – Zensurrufe aus. Besonders eine Szene wollte er loswerden – und wenn man sie gesehen hat, weiß man, warum.

Sie zeigt, wie der Computerhacker mit seiner Rechtsberaterin darüber diskutiert, wie er mit dem Vorwurf sexueller Übergriffe zweier Frauen in Schweden umgehen soll (das Verfahren wurde mittlerweile eingestellt). Im Anschluss an deren Anklage hatte er aus Angst vor einer Auslieferung an Schweden (und in weiterer Folge an die USA) Zuflucht in der Botschaft von Ecuador in London gesucht, wo er sich seit 2012 aufhält.

Verschwörung

Konfrontiert mit seiner Rechtsberaterin, erscheint Assange arrogant und selbstherrlich. Die Anklägerinnen in Schweden wären Lesben – und er das Opfer einer feministischen Verschwörung. Seinem Gegenüber steht die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben: So sollte er lieber nicht daherreden, meint sie schließlich schwach. "Nein, nicht öffentlich", kontert Assange, der offensichtlich damit rechnet, dass Poitras, die mit filmt, diesen Austausch nicht in ihrem fertigen Film zeigen wird.

Zeigt sie aber.

"Ich wollte diese Widersprüche eigentlich draußen lassen", sagt Poitras in einem Off-Kommentar, den sie ihr "production journal" nennt: "Aber ich habe mich geirrt. Diese Widersprüche sind der Film."

Und gerade diese Widersprüche machen Poitras’ Dokument über Assange und sein aktivistisches Umfeld auch so schillernd und aufregend. Assange selbst erscheint in größtmöglicher Ambivalenz: als scharfsichtige Ideologe, als überzeugter Machtkritiker, als einer, der seine persönliche Befindlichkeit hinter der Sache zurücksteckt; aber auch als selbstverliebter Dandy, der sich von den Angestellten die Haare schneiden lässt, als egozentrischer Intellektueller und als pampiger Macho, der seinen Mitarbeiterinnen den Tipp gibt, ihre "Weiblichkeit raushängen zu lassen".

"Ich bin kein normaler Mensch", erklärt er Lady Gaga, die sich zu einem Interview in der Londoner Botschaft eingefunden hat. Und: "Es spielt keine Rolle, wie ich mich fühle."

In ihrer Doku "Citizenfour" war Edward Snowden der klare Held. "Risk" hingegen findet sich wieder als fesselnde Suchbewegung.

Salman Rushdie des Indie-Rap

Wiens internationales Menschenrechtsfestival "this human world", das sich als eine Plattform für gesellschaftspolitisches und sozialkritisches Kino versteht, feiert heuer sein Jubiläum und findet zum zehnten Mal statt.

Noch bis 10. Dezember sind insgesamt 100 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme im Gartenbaukino, Filmcasino, Top Kino und Schikaneder zu sehen; hinzu kommen Workshops, Lesungen, Ausstellungen und Partys an verschiedenen Standorten.

Als besonderes Highlight der nächsten Tage steht neben Laura Poitras’ "Risk" eine weitere Österreich-Premiere mit "When God Sleeps" (Donnerstag, 18.30 Uhr, Brunnenpassage) von Till Schauder ins Haus. Der deutsch-amerikanische Filmemacher hat den islam- und regierungskritischen iranischen Musiker Shahin Najafi, über den eine Fatwa verhängt wurde, mit der Kamera begleitet. Najafi gilt als "Salman Rushdie des Indie-Rap": 2012 veröffentlichte er einen satirischen Song, in dem er angeblich einen der zwölf von den Schiiten verehrten Imame beleidigt hatte. Daraufhin wurde sein Tod gefordert und 100.000 Dollar Kopfgeld ausgesetzt. Najafi musste untertauchen und ging nach Deutschland, wo er bis heute wohnt.

Todesdrohung

Wie lebt es sich nun mit dieser Todesdrohung? Bei jedem Auftritt geht Najafi ein Risiko ein. Wie geht er mit dem Rechtsruck in Europa, der gerade überall stattfindet, um? Und wie reagiert sein Umfeld auf die Drohungen?

Shahin Najafi wird bei der Premiere der Doku "When God Sleeps" in Wien bei freiem Eintritt zu Gast sein.

INFO: https://www.thishumanworld.com/