Kultur
26.07.2017

Der überschätzte Wahlkampf-Riese: Social Web

Parteien, die nur im Netz wahlkämpfen, übersehen womöglich große Teile ihrer Wählerschaft.

Internet, wir müssen reden: Während die Meinungsbildner des Landes zunehmend online unterwegs sind, um zu twittern, facebooken und auf Instagram ihr Image pflegen, sind auch im Jahr 2017 viele Leute komplett abgeschnitten vom dortigen Geschehen. Die Hälfte der Frauen ab 65 Jahren war etwa noch nie online, erhob die Statistik Austria 2016.

Rechnet man die Online-Absenzen in den Altersgruppen von 55 Jahren aufwärts zusammen, kommt man auf mehr als 952.000 Österreicher, die nicht über das Internet erreichbar sind. Bei rund sechs Millionen Wahlberechtigten darf man das als relevante Größe bezeichnen, nicht zuletzt, weil die Wahlbeteiligung hierzulande ja mit dem Alter steigt.

Kickback-Spiel

Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer (OGM) predigt schon seit Längerem, man solle die Auswirkung des Online-Wahlkampfes auf Social Media nicht überschätzen, wie er im KURIER-Gespräch sagte. Die Bedeutung von Social Media in den Wahlkämpfen entstehe nur in ganz wenigen Fällen durch die Wirkung der Social Media aus sich selbst heraus.

Bachmayer spricht von einem "Kickback-Spiel": "In den Social Media wird in neun von zehn Fällen etwas zu einem Thema, das vorher von den traditionellen Medien berichtet wurde."

Die quantitative Bedeutung der Social-Media-Kommunikation werde in der öffentlichen Aufmerksamkeit zu hoch bewertet. Völlig überzogen sind die Erwartungen in die Breitenwirksamkeit von Twitter: "Ich würde sagen, die Hälfte von allen, die auf Twitter verkehren, schwimmen in derselben Suppe und kennen einander. Das ist ein Insiderzirkel." Hier werde lediglich versucht, mediale Meinungsbildner und Multiplikatoren zu beeinflussen. "Das hat eine Auslöserrolle für Berichterstattung, Thematisierungen, Haltungen und Meinungen im traditionellen Journalismus", sagt Bachmayr. Soll heißen: Was auf Twitter erfolgreich lanciert wird, wird in den Redaktionen zumindest diskutiert und führt in weiterer Folge zur Berichterstattung.

Der indirekte Einfluss kann also sehr groß sein, das räumt auch Bachmayer ein. Wenn etwa eine Boulevardzeitung mit relativ alter Leserschaft einen redaktionellen Beitrag bringt, wo durch einen Online-Shitstorm oder zahlreiche Postings ein Thema gepusht wurde, "dann werden jene älteren und weniger gebildeten Menschengruppen erreicht, die mit Social Media oder mit sonstigen Onlinetechniken nichts am Hut haben", sagt der Meinungsforscher.

Faul beim Teilen

Wahlkampfmanager, die darauf setzen, dass die normalen Bürger die eigenen Inhalte schon eifrig teilen werden, dürften von Bachmayers Analyse hingegen eher enttäuscht sein: Nur acht bis neun Prozent der Bevölkerung nimmt laut einer OGM-Umfrage politische Nachrichten und Botschaften im Social Web überhaupt wahr. Der Anteil jener, die auch noch bereitwillig dazu posten und die Inhalte in weiterer Folge auch teilen, liege nur bei zwei bis drei Prozent der Bevölkerung, also etwa 200.000 Usern.

Viele von ihnen dürften ohnehin bereits in der Politik aktiv sein, vermutet er: "Wir haben ja fast eine Viertelmillion Gemeindefunktionäre in Österreich, die ja auch einer Partei nahestehen."

Legt man zugrunde, dass jeder auch mehrere Follower hat, die diese Botschaften auch lesen, kommt man auf einen Multiplikationsfaktor, "der auch nicht zu unterschätzen ist", räumt Bachmayer ein. Allerdings komme hier zum Tragen, dass die Quelle als parteiisch betrachtet werde, also die Inhalte nicht mit derselben Aufmerksamkeit und Bereitschaft gelesen werden.