Kultur
12/07/2011

Der Steppenwolf - von Hermann Hesse

Ein Roman zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Dichtung und Wahrheit - Hesses Steppenwolf ist noch immer ein modernes Buch.

Hesses "Steppenwolf" - ein Klassiker, ein Vexierspiel, ein atemberaubendes literarisches Experiment. Auch heute folgt man dem Autor fasziniert hinab in die Seele von Harry Haller. 1927 erschienen, teilte der Roman die Leser von Anfang an: Manche wandten sich angeekelt von dieser Entbl├Â├čung einer "verr├╝ckten" Seele ab, andere lobten hymnisch. Thomas Mann schrieb: "Der Steppenwolf hat mich seit langem zum erstenmal wieder gelehrt, was Lesen hei├čt." Die Kontroverse um das Buch - dem Hesse nicht zuletzt seinen 1946 verliehenen Nobelpreis verdankt - lebte in den 1960er-Jahren erneut auf, als die Hippie-Generation Harry Haller f├╝r sich entdeckte und konservative Seiten ihn als Aufruf zum "Drogenmissbrauch und sexueller Perversionen" diffamierten.

Hesses Roman verwischt kunstvoll Traum und Wachen, Realit├Ąt und Fiktion - das beginnt schon mit den biografischen Bez├╝gen: Der 1877 in Calw geborene Schriftsteller begann den Text 1924 in Basel und entsprach in vielen Punkten seiner Kunstfigur: Er wohnte in einer Mansarde, war von Gicht geplagt, setzte das Datum seines Selbstmordes auf den 50. Geburtstag fest und f├╝hlte sich wie ein Steppenwolf, eine Mischung aus Mensch und Tier, ein Zwitter, dessen zwei Seelen - die b├╝rgerliche und die w├Âlfische, einsame - miteinander k├Ąmpfen und sein Leben blockieren. Und nat├╝rlich lehnt sich auch der Name Harry Haller an Hesse selbst an.

Auch die Form des Romans spielt auf innovative Weise mit Dichtung und Wahrheit. Aus drei verschiedenen Perspektiven wird Harry Haller beschrieben: Anfangs durch das Vorwort eines (fiktiven) Herausgebers, der Haller ein Zimmer vermietet und sp├Ąter dessen Aufzeichnung findet. Dann dieser Bericht selbst, eine in Ich-Perspektive geschilderte Abfolge von Harrys Qualen und seiner Erl├Âsung. Seltsam beeindruckend die Momente, in denen der knapp 50-J├Ąhrige, wie magisch angezogen, Unterk├╝nfte in b├╝rgerlich-biederen H├Ąusern sucht und findet - deren eigent├╝mlicher Geruch im Treppenhaus ihn zum Innehalten und zur Erinnerung an eine Art Heimat dr├Ąngt. Drittens schlie├člich kommt das "Tractat ├╝ber den Steppenwolf" hinzu, ein "schlecht auf schlechtem Papier gedrucktes Jahrmarktsb├╝chlein", das Harry vom H├╝ter des "Magischen Theaters" in die Hand gedr├╝ckt bekommt. Eine Abhandlung ├╝ber ihn selbst, halb M├Ąrchen, halb psychoanalytischer Bericht, der mit den ber├╝hmten Worten beginnt: "Es war einmal einer namens Harry, genannt der Steppenwolf. Er ging auf zwei Beinen, trug Kleider und war ein Mensch, aber eigentlich war er doch eben ein Steppenwolf." Wie wichtig Hermann Hesse dieses Spiel der Perspektiven war, erkennt man an der Erstausgabe des Romans: Der Autor lie├č das "Tractat" auf gelbem Papier einbinden - tats├Ąchlich ein Buch im Buch.

Formal gelang Hesse damals ein innovatives und neuartiges Werk - und dennoch verkn├╝pfte er alle Erz├Ąhlebenen in unnachahmlicher Weise zu einem Ganzen - zu einem Roman, der seine Leserinnen wie Leser in den Bann zieht und bis zum Ende nicht mehr losl├Ąsst. "Der Steppenwolf" ist ein modernes Buch. Im "Magischen Theater", das Harry Haller am Schluss betritt und in wilder Visionsabfolge reinigend durchl├Ąuft, kommt es beispielsweise zu einer "fr├Âhlichen Hochjagd" auf gepanzerte (!) Automobile, die den Kampf zwischen Mensch und Maschine symbolisiert. Hesse wurde in der Nachkriegszeit lange von der Literaturwissenschaft ignoriert und als Schriftsteller f├╝r Pubertierende abgetan. Geschadet hat das seinen B├╝chern nicht: Hesse lesen - das ist heute so aktuell wie vor achtzig Jahren.

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