Kultur
07.12.2011

Der Plan von der Abschaffung des Dunkels - von Peter Høeg

Der Däne thematisiert in dem Schulroman die Zeit und übt massive Kritik am Schulsystem Dänemarks - eine Diskussion, die sich ausbreitet.

Solange noch Schüler sich mit den Lehrern und die Lehrer sich mit den Schülern quälen, wird der Schulroman seine Faszination nie verlieren: Weil jeder Leser zumindest ähnliche Erfahrungen machte und die Schulzeit stark prägt, wirkt diese Gattung immer wieder beeindruckend. Und meist bedrückend. Seit Hermann Hesse 1906 seine Erzählung "Unterm Rad" veröffentlichte, sind viele Beispiele dazu gekommen. 1993 legte auch Peter Høeg - nur ein Jahr nach seinem erfolgreichen Thriller "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" - seine Version des Schulromans vor. In Dänemark sorgte er für einigen Furor, da er stark autobiografisch geprägt ist und massive Systemkritik am Internats- und Schulsystem des Landes übt. Eine Diskussion, die dort - vielleicht gerade wegen dieses Romans - um etwa ein Jahrzehnt früher ausgebrochen ist, als das etwa im deutschsprachigen Raum der Fall war.

Das Buch mit seinem etwas holprigen Titel (im dänischen Original nicht minder kryptisch: "Die vielleicht Geeigneten") erzählt vom Gang des Waisenkindes Peter durch die verschiedensten Institutionen in den 60er-Jahren und am Beginn der 70er-Jahre. Nach diversen Heimen landet der Bub in einer elitären Privatschule am Rande von Kopenhagen. Der 14-jährige Peter schließt geheime Freundschaft mit Katharina - gemeinsam versuchen sie herauszubekommen, was in dieser Schule nicht stimmt. Warum die verschärften Überwachungsanlagen mit Mikrofonen und transparenten Spiegeln? Warum werden schwer erziehbare Kinder wie Peter oder der autistische August in die renommierte Schule aufgenommen? Warum werden die Kinder der Lehrer plötzlich von der Schule genommen? In vorsichtigen Schritten bindet Høeg das würgende Seil auf, das alle und alles verknüpft. Aus der Perspektive der Jugendlichen heraus bekommen Schule und Lehrer etwas Übermächtiges und Unheimliches. Schuldirektor Biehl vor allem ist es, der wie ein einziger wahrer Gott über die Schule herrscht: Hat er einen Schüler geschlagen, ordnet er seine Kleider "wie ein Mann, der auf der Toilette gewesen ist. Oder bei einer Hure. Und jetzt etwas überstanden hat, das lästig war, aber notwendig."

Doch Peter Høeg wäre nicht der großartige dänische Autor, der er ist, wenn hinter dieser Geschichte nicht noch eine andere stecken würde: Das eigentliche Thema des Romans ist die Zeit: "Ich glaube, wir waren so weit draußen, wie einen die Zeit bringen kann. Wir wurden so streng und fest gehalten, wie man jemanden mit einer Uhr halten kann. Im Grunde wohl so fest, daß man, wenn man keine sehr dicke Schale hatte, ganz oder teilweise zerbrach." Peter, Katharina und August versuchen, die "Zeit zu berühren", versuchen ihrem unbegreiflichen Mechanismus auf die Spur zu kommen. Und schaffen es tatsächlich, wenn auch nur kurz, die Zeit außer Kraft zu setzen.

Høeg ist ein Buch gelungen, das nicht leicht zu lesen ist, aber nachhaltig beeindruckt. Seine knappe, einfache Sprache tut ein Übriges, um die Qual der Kinder und das Monster Zeit großartig darzustellen. Und Zeit ließ und lässt sich der Autor auch selbst: Erst drei Jahre nach "Der Plan von der Abschaffung des Dunkels" veröffentlichte er 1996 "Die Frau und der Affe". Verschwand spurlos, nachdem er ein Jahr später durch die erfolgreiche Verfilmung von "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" auch international berühmt wurde. Zehn Jahre lang lebte Høeg unentdeckt in Jütland, bis er sich 2006 mit einem neuen Roman zurückmeldete, der ebenfalls die Kindheit und die Zeit thematisiert: "Das stille Mädchen".