© Peter Lehner

Kultur
10/24/2012

Der Papa wird’s schon richten

Serie (Teil 8): "Wenn man trotzdem lacht": In seinem neuen Buch erzählt Georg Markus Geschichten und Geschichte des österreichischen Humors. Heute: Bronner, Qualtinger & Co

von Georg Markus

Es war an einem nasskalten Wintertag des Jahres 1948, als Gerhard Bronner vor einem plötzlich einsetzenden Regenguss Schutz suchte. Er betrat das nächste Lokal und setzte sich, als die Musiker Pause machten, ans Klavier. Das Lokal hieß Mari­etta-Bar, ihr Besitzer fand Gefallen an Bronners Spiel und engagierte ihn. Damit sollte eine neue Ära des Wiener Kabaretts anbrechen.

Auf der Suche nach Mitstreitern fiel Bronner in einer Sauna "ein schlanker junger Mensch in einer schlecht sitzenden Badehose auf, der nach einem Liegestuhl Ausschau hielt". Der Herr hieß Qualtinger, wollte Kabarettist werden und stieg bei Bronner ein. Später kamen Georg Kreisler, Peter Wehle, Louise Martini und andere dazu.

Der g’schupfte Ferdl

Schon im ersten Programm sang Helmut Qualtinger das Lied vom "G’schupften Ferdl", das die tatsächliche Geschichte einer Schlägerei im Wiener Vorstadt-Tanzlokal Thumser erzählt, deren Zeuge Bronner geworden war:

Heute ziagt der g’schupfte Ferdl frische Socken an, grün und gelb gestreift, das ist so elegant, schmiert mit feinster Brillantine seine Locken an, putzt si d’Schuach und nachher haut er si ins Gwand, denn beim Thumser draußt, in Neulerchenfeld is Perfektion...

So gehen die Beiden mit vergnügtem Sinn zum Thumser hin, bei der Garderobe sehen sie ein großes Schild: "Die p. t. Gäste werden höflichst gebeten, die Tanzlokalitat ohne Messer zu betreten." Da legt der g’schupfte Ferdl, ohne lange zu reden, sein Taschenfeitl hin – die Mizzi hat im Taschl eh no an drin …

Niemand konnte ahnen, dass der nächste Klassiker innenpolitische Konsequenzen zur Folge haben würde. "Der Papa wird’s schon richten":

Da neulich, da sitz ma in der Eden und reden, Der Gießhübel, der Puntigam und i. Man red’t so, was soll ich Ihnen sagen, vom Wagen und was man so schon red’t um zwei Uhr früh… Auf einmal sagt mir der Puntigam, sag, was is wahr an dem Tamtam? Ich hab da so was aufgeschnappt, du hättest einen Unfall g’habt? Drauf sag ich: Es is nix passiert, mei Porsche ist schon repariert, nur leider ist mir ein Passant, bevor er g’storb’n is, einigrannt...

 

Rücktritt

Schnell sprach sich in Wien herum, dass auch dieses Lied einen wahren Hintergrund hatte und der Porschefahrer der Sohn des Nationalratspräsidenten war, der einen Fußgänger niedergefahren und danach Fahrerflucht begangen hatte. Die Folge des Kabarettsongs: Der Nationalratspräsident musste zurücktreten!

Louise Martini gab Bronners Lied von den "Chesterfield"-Zigaretten, die man als junge Wienerin von "freundlich gesinnten" US-Besatzungssoldaten bekam:

Damals war a Chesterfield für mich ein Vermögen. Und die Leute legen für ein Vermögen sehr viel hin – und so legte ich mich hin …

1960 schrieb Qualtinger die Nummer "Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben", in der er und Johann Sklenka zwei alternde Provinzmimen spielten, die von vergangenen Theaterzeiten träumen.

Erster Mime: Hast du Girardi noch gesehen?
Zweiter Mime: Ausgesprochen überschätzt.
Erster Mime: Er hatte gute Beziehungen zur Presse.
Zweiter Mime: Nur so kommt man nach Wien.
Erster Mime: WienJosefstadt … Volkstheater.
Zweiter Mime: (nachdenklich): Mährisch-Ostrau war besser als Teplitz-Schönau.
Erster Mime: Vom neuen Jedermann habe ich furchtbare Verrisse gelesen.
Zweiter Mime: Ich habe immer gesagt, das Stück passt nicht zu Salzburg.
Erster Mime: Vielleicht zu Linz … In Linz müsste man sein.

Auch die Figur des Travnicek hat Qualtinger (gemeinsam mit Carl Merz) geschaffen. Merz erinnerte sich, dass Qualtinger "in den 1950er-Jahren einen Schiffsurlaub in Jugoslawien machte und dabei mit anderen Reisenden ins Gespräch kam..."

Travnicek: (missmutig): Des is a Land! Schaun S’ da abi.
Freund:
Ja – und?
Travnicek:
Nix wia Salzwasser. Und die Gitarren. Net zum Anhören. Wann’s wenigstens Schrammeln hätten. Und der Mond scheint an ins G’sicht.

Freund: Südliche Nächte!
Travnicek:
Hern S’ ma auf mit dem Süden. In der Bahn is ja noch gangen. Da hab ich kalte Schnitzeln mitg’habt von z’Haus. Und an Erdäpfelsalat. Aber da herunt. Die Cevapcici wollen s’, dass i essen soll.
Freund: Was?
Travnicek:
No dö Hundstrümmerl mit Zwiefel – und ka Schnitzel weit und breit. Für das Geld, was ich da ausgib, halten s’ mi am Wörther See für an Ausländer. Und an guten Wein gibt’s net. Nur an Slibowitz, und mit niemand kann ma sich unterhalten, nur mit Ihnen. Ka Ansprach.
Freund:
Jetzt steigt die Küste aus dem Wasser, Travnicek.
Travnicek:
Was brauch i des? Gibt’s da a Strandcafé? Und die Leut? Lauter Tschuschen...

Helmut Qualtinger verließ das Ensemble 1961 und wurde danach durch die Figur des "Herrn Karl" unsterblich. Er spielte Theater, drehte Kinofilme, schrieb satirische Szenen und Monologe:

Österreich ist ein Labyrinth, in dem sich jeder auskennt.
Demagogen sind Leute, die in den Wind sprechen, den sie selbst gemacht haben.
Seitdem es Flugzeuge gibt, sind die entfernten Ver-wandten auch nicht mehr das, was sie einmal waren.
Wenn keiner weiß, was geschehen soll, sagen alle: Es muss etwas geschehen!
Vier Jahre gehörte auch Georg Kreisler dem Ensemble an. Er schuf Klassiker wie "Zwei alte Tanten tanzen Tango" oder "Tauben vergiften im Park" – und: Wie schön wäre Wien ohne Wiener, so schön wie a schlafende Frau, der Stadtpark wär sicher viel grüner, und die Donau wär endlich so blau. Wie schön wäre Wien ohne Wiener, ein Gewinn für den Fremdenverkehr. Die Autos ständen stumm, das Riesenrad fallet um und die lauschigen Gassen wär’n leer, in Grinzing endlich Ruh und"s Burgtheater zu! Es wär herrlich, wie schön Wien dann wär...

Bronner starb 2007, Georg Kreisler 2011. Qualtinger war ihnen bereits 1986 vorausgegangen. Und es geschah, was er vorhergesehen hatte:

In Wien musst erst sterben, damit s’ dich hochleben lassen, aber dann lebst lang.

ENDE DER SERIE

Das Copyright der in dieser Serie verwendeten Texte von Farkas, Bronner, Qualtinger u. a. liegt beim Thomas-Sessler-Verlag Wien.

Das neue Buch von Georg Markus

Der KURIER bringt Auszüge aus dem eben erschienenen Buch „Wenn man trotzdem lacht, Geschichten und Geschichte des österreichischen Humors“, in dem die großen Humoristen,
Sa­tiriker und Kabarettisten durch ihre Pointen und
Biografien lebendig werden. 352 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Amalthea Verlag
€ 24,95. Erhältlich im Buchhandel oder – handsigniert vom Autor – im kurierclub.at

 

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