Auf der Suche nach Liebe

Peter Kern: Der letzte Sommer der Reichen…
Foto: Stadtkino Die schöne Amira Casar  geht als skrupellose, Drogen  konsumierende Konzernchefin über Leichen  – bis sie plötzlich von der Liebe zu einer Nonne überwältigt wird: „Der letzte Sommer der Reichen“ von Peter Kern

Der radikale Low-Budget-Filmemacher Peter Kern im Gespräch über Lindsay Lohan, die Apokalpyse der Kultur, den Song Contest und mittelmäßiges Fernsehen.


Peter Kern ist eine Ausnahmeerscheinung im österreichischen Kino. Er macht krasse, grelle, zärtliche, melodramatische und pornografische Filme – wie "Der letzte Sommer der Reichen" (Kinostart: Freitag). In einer elegant gefilmten, unverblümten Mischung aus Thriller, Sex-Kolportage und Lesbendrama erzählt Kern von den Machenschaften einer Konzern-Chefin und ihren Verfilzungen mit der Wiener Kultur-Schickeria.

Director Kern attends a news conference at 65th Be Foto: REUTERS/HANNIBAL HANSCHKE Ausnahmeerscheinung im österreichischen Kino: Peter Kern KURIER: Herr Kern, im Zentrum Ihres Films steht eine reiche, lesbische Erbin, die exzessiv Drogen nimmt und ins Puff geht. Stimmt es, dass Sie ursprünglich den US-Star Lindsay Lohan besetzen wollten?

Peter Kern: Das ist richtig. Die Frau, die sie hätte spielen sollen, fühlt sich am Abgrund wohl, hat alle Exzesse durchlebt – von der Sexualität bis hin zum Drogenkonsum. Ich möchte immer sehr genau besetzen – und da dachte ich an Lindsay Lohan, weil die das Leben meiner Hauptfigur durchlebt. Ich habe mit ihr gesprochen, was übrigens gar nicht so problematisch war. Nur war sie gerade auf Entzug, und so kamen wir nicht zusammen.

Jetzt spielt Amira Casar die Rolle. Wie kam es dazu?

Das war beim Filmfestival in Hof, da kam die wunderbare Amira Casar auf mich zu und sagte zu mir: "Ach Kern, ich wollte schon immer mit Ihnen arbeiten. Das wäre für mich ein Traum." Und ich sage: "Na höans, lassen Sie sich ihr Schnitzerl gut schmecken, aber ich kann Sie nicht bezahlen. Das ist unmöglich." Aber sie meinte, wir beide machen ja Kunst – und das regeln wir schon.

Frau Casar hat ja für die Rolle auch extra Deutsch gelernt?

Peter Kern: Der letzte Sommer der Reichen… Foto: Stadtkino Verliebt in eine Nonne: Amira Casar (re.), Winfried Glatzeder (Mitte) Sie ist Engländerin, die in Frankreich lebt und in diesem Film Deutsch spricht. Und dieses Gebrochene daran ist so intensiv – weil das Wort und der Sinn des Wortes sich wieder bricht und dabei genau das entsteht, was ich Wahrhaftigkeit nenne. Überhaupt habe ich eine tolle Besetzung zusammen gebracht: Der wunderbare Brecht-Schauspieler Winfried Glatzeder, den alle herunter machen, weil er als Kandidat im "Dschungelcamp" aufgetreten ist. Er ist einer der größten Schauspieler unserer Zeit – das wissen halt viele Wiener nicht, weil sie ungebildet sind. Aus dem heimischen Stall habe ich Margarethe Thiesel und Nicole Beutler...

Die beiden spielen sehr witzig Wiener Gesellschaftsdamen...

Ja, da kommt man schon auf Ideen, wer sie sein könnten, in unserer Seitenblicke-Gesellschaft – wo man gar nicht weiß, wer die alle sind. Da ist nur der Schein das Wesentliche, nicht das Sein.

Hätten Sie sich eine österreichische Schauspielerin für die Hauptrolle vorstellen können?

Es gibt wunderbare Schauspieler hier, nur ist das Potential nicht da, um Stars für das Kino aufbauen zu können. Ich möchte nur Leute in Hauptrollen, die durch das Kino bekannt sind, nicht durch das Fernsehen.

Warum?

Weil das Fernsehen so mittelmäßig geworden ist. Schauen Sie sich den ORF an, der geht in der Zeit zurück statt nach vorne. Heutzutage gibt es dort nur noch Volkstanz, Song Contest, Dancing Stars – alles kopierte Shows, mit denen sich Österreich selbst feiert und toll findet.

Sie sind offensichtlich kein Fan vom Song Contest?

Ich habe nichts gegen Unterhaltung, auch nicht gegen primitive. Aber die Vorstellung, dass Hunderte Millionen investiert werden, um mittelmäßige Blabla-Texte aus Europa zu produzieren, ist unerträglich im Vergleich dazu, wie die Kunst hier subventioniert wird. Es geht einfach nicht, dass der Song Contest stattfindet und man dem Burgtheater das Leben nimmt. Aber von den Künstlern traut sich niemand, etwas zu sagen – weil dann bekommen sie das nächste Projekt nicht mehr gefördert, von den Hanseln, die an der Macht sind und keine Ahnung von etwas haben. Es ist traurig, dass sich die Kunst nicht gegen den Niedergang in die Apokalypse wehrt.

Wie finanzieren Sie Ihre Filme?

Ich mache als einer der wenigen in diesem Land politische Filme. Und die kann ich nur machen, wenn ich spontan reagiere. Die Realisierung eines Films mit Subventionen dauert oft vier bis fünf Jahre. Wie kann ich da einen politischen Film machen? In fünf Jahren gibt es den Faymann nicht mehr. Also mache ich Low-Budget- und No-Budget-Filme. Ich bin das gegnerische Kino zu dem, was auf dem Markt ist: spontan, ehrlich, arm und tränenreich.

Apropos tränenreich: In "Der letzte Sommer der Reichen" geht es auch um die große Liebe.

Das ist noch immer mein Hauptthema und wird es immer bleiben – die Suche nach Liebe.

Zur Person: Peter Kern

Geboren 1949 in Wien, Mitglied der Wiener Sängerknaben, ab Ende der 60er Schauspieler unter  Rainer Werner Fassbinder, Peter Zadek, Christoph Schlingensief  u.v.a. Seit Mitte der 80er  ist  Kern selbst als Regisseur aktiv u.a.:  „Domenica“, 1993; „Haider lebt – 1. April 2021“, 2002; „Mörderschwestern“, 2010; und „Diamantenfieber oder Kauf dir einen bunten Luftballon“, 2012. Als neues Projekt plant Kern den Film  „Café Shalom“, der   „über Vergangenheit in der heutigen Zeit“ erzählt  und „eine kleine Hommage“ an  Michael Glawogger.

(kurier) Erstellt am
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