Kultur
07.09.2017

Der Künstler in tausend Gestalten

Eine Schau zu Pieter Bruegel d. Ä. erzählt viel über Medien, Moral und den Markt für Kunst.

Den grimmigen Blick des alten Mannes, der in Pieter Bruegels Blatt "Maler und Käufer" (1565) den Pinsel hält, haben wir schon öfters gesehen. "Der Typ hinter mir hat ja keine Ahnung", scheint der Künstler zu denken – der Mann mit dem Zwicker greift ja nur zum Geldbeutel, hat keinen Sinn für die wahren Werte, die Qualität großer Kunst.

Der Maler hat sich wohl ein Leben lang im Dienst dieser Werte abgemüht, aber schon auch den Markt gut bedient. Vielleicht erzeugt dies innere Zerrissenheit, vielleicht findet der Alte die Welt einfach nur so schlecht.

Monster und Bauern

Der Parcours durch das grafische Werk Pieter Bruegels d.Ä., der in der Albertina im Meisterstück "Maler und Käufer" kulminiert, lässt beide Interpretationen plausibel erscheinen: Die Werkschau zeigt den Künstler, der vermutlich 1526 im niederländischen Brabant zur Welt kam, als marktkonformen Lieferanten von Landschafts- und Andachtsbildern wie auch als abenteuerlichen Bilderfinder. Sie zeigt, wie sich der Künstler mehrere Marken-Identitäten – als "Bauernbruegel" ebenso wie als "zweiter Hieronymus Bosch" – zulegte und diese mithilfe von Druckgrafiken pflegte.

Dass die Bildkultur der Bruegel-Zeit mit Fragen der Originalität oder dem Verhältnis von Text und Illustration ganz anders umging als die Gegenwart, macht die Schau zudem auch aus mediengeschichtlicher Perspektive aufschlussreich.

Teuflisch am Trittbrett

Tatsächlich würde man die Art, wie Bruegel und sein umtriebiger Verleger Hieronymus Cock die teuflischen Wimmelbilder des rund 50 Jahre früher aktiv gewesenen Meisters Hieronymus Bosch nutzten, heute wohl als Trittbrettfahrerei bezeichnen: Das berühmte Bild "Die großen Fische fressen die Kleinen" (1556), das die Albertina sowohl als Federzeichnung wie auch als Kupferstich zeigt, wurde im Druck nicht etwa mit Bruegels Namen signiert– es wurde Bosch als "Erfinder" angegeben, schließlich war er am Markt gefragt.

Bruegels Werke im Bosch-Stil ziehen unweigerlich in ihren Bann, allein vor dem Blatt "Christi Höllenfahrt" von 1561 ließen sich mehrere Stunden verbringen. In der Schau werden die mitunter drastischen Monster und Foltermaschinen aber nicht als singuläre Erscheinungen verständlich, sondern als Teil eines umfassenden und damals durchaus "zeitgenössischen" Bildprogramms.

So war die bildliche Umsetzung von moralisierenden Sprichwörtern eine verbreitete Disziplin. In dem gut zum Schulanfang passenden Blatt "Der Esel in der Schule" (1556) ließ Bruegel das titelgebende Tier vom Notenblatt lesen; in den ebenso nach Sprichwort-Vorbild gestalteten Bildpaar "Die magere Küche/Die fette Küche" (1563) machte sich der Künstler seine Meisterschaft in der Darstellung von Bauern zunutze. Bei Andachtsbildern nutzte er wiederum seine Erfahrung mit Landschaften: Eine Gruppe Bären neben einem mächtigen Baum findet sich da in einer späteren Version des Motivs kurzerhand durch die heilige Familie ersetzt.

Reicher Bildschatz

Doch nicht nur die erhellende Gegenüberstellung solcher Werke macht die Ausstellung zu einem exquisiten Erfahrungsraum: Kuratorin Eva Michel wählte auch tolle Referenzwerke, um Bruegels Inspirationsquellen und die Traditionen der Zeit zu verdeutlichen. Die Werke von Martin Schongauer, Albrecht Dürer oder Albrecht Altdorfer sind alles andere als Füllmaterial: Ein solch dichtes, hochklassiges Bezugsnetz kann nur die Albertina mit ihrer Sammlung liefern.

INFO: Der Zeichner Bruegel bis 3.12.2017 in der Albertina

Pieter Bruegel (um 1525– 1569) gilt als einflussreichster niederländischer Künstler des 16. Jahrhunderts. Die Albertina besitzt Bruegels gesamtes druckgrafisches Werk und sechs Handzeichnungen; in der Schau sind 20 Zeichnungen zu sehen.

Rund 40 Gemälde Bruegels haben sich erhalten, mit 12 Tafeln besitzt das KHM die weltweit größte Sammlung davon. Zu Bruegels 450. Todestag plant das KHM eine große Werkschau ab 2.10. 2018.