Kultur
13.04.2017

Ein sepiafarbener Blick mit Licht und Schatten

Ein Klassiker im neuen Gewand: Annika Siems setzt das Nachkriegs-Wien in Szene.

Wien und "Der dritte Mann" – das ist eine Erfolgsgeschichte. Täglich verschwinden Touristen und Schulklassen in einem kleinen Loch am Karlsplatz. Sie steigen hinab in die Wiener Kanalisation und machen sich auf die Spuren von Orson Welles: Der US-Schauspieler und Regisseur spielt im cineastischen Meisterwerk aus dem Jahr 1949 den skrupellosen Schwarzmarkthändler Harry Lime, der im Nachkriegs-Wien seine Geschäfte macht.

Während der Film Kultstatus genießt, kennen wenige den gleichnamigen Roman, der ein Jahr nach dem Schwarz-Weiß-Thriller veröffentlicht wurde. Das beispiellose Zeitdokument des britischen Autors Graham Greene wurde nun vom Frankfurter Verlag Edition Büchergilde neu aufgelegt und in frisches Gewand gehüllt. Illustriert wurde die Neuübersetzung von der deutschen Künstlerin Annika Siems, die im KURIER-Interview über ihren Zugang zur Geschichte, ihren Stil und Herausforderungen spricht ...

KURIER: Wie nähert man sich einem solchen Klassiker?
Annika Siems: Das ist eine berechtigte Frage. "Der dritte Mann" gehört wohl zu den größten Geschichten seiner Zeit. Ein einzigartiger Geniestreich, meiner Meinung nach. Hinzu kommt, dass vielen Lesern auch der Film bekannt sein dürfte und demnach auch bereits Bilder im Kopf existieren. Ich sah meine Aufgabe darin, die Stimmung der Geschichte und des Settings der Besatzungszeit einzufangen sowie eine eigene Bildsprache zu finden – ohne die Erwartungshaltungen der Leser zu enttäuschen. Zu diesem Zweck habe ich eine umfangreiche Recherche betrieben.

Waren Sie für Ihre Arbeiten auch in Wien?
Nachdem ich feststellen musste, dass das Internet und die Bibliotheken nicht ausreichend Bildmaterial zur Besatzungszeit Wiens hergaben, bin ich tatsächlich nach Wien gefahren. Fündig wurde ich insbesondere im Dritte Mann Museum, das neben den Bildern und Requisiten zum Film auch eine wahre Fundgrube geschichtlicher Aufarbeitung der Besatzungszeit darstellt – von Zeitzeugenberichten über Fotomaterial bis hin zu Originaldokumenten wie Lebensmittelmarken und Personalausweisen.

Was ist Ihnen bei Ihren Zeichnungen wichtig?
Das kommt auf das Projekt an. Generell können Illustrationen unterschiedliche Dinge erzählen; können erklären, provozieren, Inhalte vermitteln oder Emotionen auslösen. In diesem Fall war mir wichtig, die Stimmung der Geschichte zu transportieren und gleichzeitig Zeitdokumente einfließen zu lassen.

Wie fertigen Sie Ihre Illustrationen an?
Meine favorisierte Arbeitsweise ist klassische Ölmalerei, die aufgrund langer Trockenzeiten jedoch für viele Jobs nicht infrage kommt. "Der dritte Mann" ist in Aquarell gemalt. Diese Technik ist wesentlich schneller. Zuerst fertige ich Ideenskizzen an, die dann zu Bildkompositionen werden. Wenn ich mich für ein Motiv entschieden habe, wird es auf einem aufgespannten Papier vorgezeichnet und im nächsten Schritt koloriert. Generell arbeite ich am liebsten analog, da mir die Haptik der Materialien gefällt.

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?
Realistisch, dynamisch, detailreich und stimmungsvoll – mit einer starken Farbigkeit.

Apropos Farbigkeit. Darauf haben Sie bei "Der dritte Mann" verzichtet. Warum?
Das passte einfach nicht zum Thema: Farbe empfand ich bei der Geschichte eher als einen ablenkenden Störfaktor.


Graham Greene: „Der dritte Mann“. Übersetzt von Nikolaus Stingl. Illustriert von Annika Siems. 200 Seiten. 25,80 Euro.