Kultur 07.12.2011

Der alte Mann und das Meer - von Ernest Hemingway

© Bild: apa

Ein Bezug zur Gegenwart lässt sich bei Hemingways Klassiker immer wieder herstellen: Der Sinn des Lebens besteht nicht im Siegen.

Ernest Hemingways epische Beschreibung eines Kampfes zwischen Mensch und Natur wurde ein vielfach übersetzter Klassiker der Weltliteratur. Wer den Text selbst nicht kennt, wird vielleicht die Charakterköpfe der Verfilmungen mit Spencer Tracy (1958) oder Anthony Quinn (1989) vor Augen haben. Die Novelle um den alten Fischer Santiago, der mit dem Fang seines Lebens ringt, ist Hemingways letztes Buch, das zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde. 1952 im "Life-Magazine" erschienen, gewann diese Novelle nicht nur den Pulitzerpreis, sondern führte Hemingway 1954 auch auf die Zielgerade zum Literatur-Nobelpreis: Ausdrücklich heißt es in der Begründung der Oslo-Jury, der Amerikaner erhalte die Auszeichnung "(. . .) für seine Meisterschaft in der Kunst des Erzählens, gerade erst demonstriert in "Der alte Mann und das Meer". Der 53-jährige "Papa Hem" lebte zum Zeitpunkt des Erscheinens bereits seit 16 Jahren auf Kuba, jener von ihm geliebten Insel, auf der die berühmte Novelle auch spielt. Neun Jahre später erschoss sich der manisch-depressive Autor.

"The Old Man and the Sea" beginnt wie ein Märchen: "Er war ein alter Mann, der allein in einem kleinen Boot im Golfstrom fischte, und er war jetzt vierundachtzig Tage hintereinander hinausgefahren, ohne einen Fisch zu fangen." Nur noch der junge Manolin glaubt an Santiago, hilft ihm heimlich, seine leeren Netze zu flicken, bringt Essen vorbei und unterhält sich mit ihm über amerikanischen Baseball. Santiago weiß, dass er einer vergangenen und vielfach vergessenen Zeit angehört: "Er dachte an die See immer als an la mar, so nennt man sie auf spanisch, wenn man sie liebt. (. . .) Manche der jüngeren Fischer, die Bojen als Schwimmer für ihre Leinen benutzten und Motorboote besaßen, die sie gekauft hatten, als die Haifischleber viel Geld einbrachte, sprachen von ihr als el mar, was das Maskulinum ist. Sie sprachen von ihr wie von einem Konkurrenten oder einer Ortsbezeichnung, ja selbst wie von einem Feind."

Santiago rudert - und das ist der Mittelpunkt der Erzählung - eines Tages weiter hinaus als jemals zuvor und fängt mit seiner - nur mit bloßen Händen gehaltenen - Angelschnur einen gewaltigen Marlin. Drei Tage kämpfen Mann und Tier, erleiden Qualen und nähern sich an: Santiago nennt den Speerfisch "Bruder". Schließlich ermüdet der Marlin, kreist um den Fischer, wird von ihm harpuniert. Aber der gewaltige Fang ist größer als Santiagos Boot, er bleibt im Wasser, wird an Bug und Heck vertäut. Und auf der Rückfahrt von Haien attackiert. Dreimal wehrt Santiago mit Harpune, Messer und Keule die Kannibalen des Meeres ab, dann verliert er diese Waffen und damit auch den Kampf: Als er endlich in die heimische Bucht einläuft, hängt nur noch das gewaltige, vollständig abgefressene Skelett des Fisches an der Bootswand.

Ernest Hemingway (1899-1961): „Du tötest mich, Fisch, dachte der alte Mann. Aber dazu bist du berechtigt. Niemals habe ich etwas Größeres und Schöneres oder Ruhigeres oder Edleres gesehen als dich, Bruder. Komm nur und töte mich. Mir ist es gleich,
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"Der alte Mann und das Meer" wurde oft interpretiert: als Gleichnis der mühseligen Tapferkeit des Daseins, als Symbol dafür, dass der Lebenssinn nicht durch äußere Siege bestätigt zu werden braucht. Die Novelle wurde gelegentlich als Ausdruck eines alternden Machos verspottet, der sich nach dem Motto "Ein Mann kann vernichtet werden, aber nicht besiegt" selbst ein Denkmal setzt. Fest steht, dass Hemingway damit auch für heutige Leserinnen und Leser eine zeitlos berührende, zugleich spannende und traurige Geschichte erzählt - in einer für die Prosa des 20. Jahrhunderts wegweisenden, und für den Autor charakteristischen knappen Sprache.

Erstellt am 07.12.2011