Kultur 15.05.2015

Ein Fluss, der gegen die Strömung fließt

© Bild: Chloe Potter

Kritik: Serhij Zhadans Roman "Depeche Mode" über ukrainische Jugendliche im Wiener Werk X Eldorado.

Serhij Zhadan, Jahrgang 1974, ist eine der wichtigsten Stimmen der ukrainischen Gegenwartsliteratur. Sein Roman „Depeche Mode“ von 2004 führt zurück in die postkommunistische Umbruchszeit in der Ukraine. Julia Burger (Regie) und Anna Laner (Dramaturgie) haben eine Bühnenfassung für das „Werk-X – Eldorado“ eingerichtet.

1993, in der ostukrainischen Industrie- und Universitätsstadt Charkiw: Mit Arbeit oder Studium haben die Protagonisten von „ Depeche Mode“ nichts am Hut. Der Ich-Erzähler Serhij (Sven Kaschte), 19 Jahre und arbeitslos, hängt mit seinen Freunden ab. In der postsowjetischen und präkapitalistischen Leere finden sie keinerlei Halt. Gefangen in einer Endlosschleife zwischen „Abendkotze“ und „Morgensuff“, sorgt höchstens der Besuch eines Metalist-Fußballmatchs für Abwechslung.

Dog Pawlow (Gideon Maoz) ist jüdischer Abstammung und paradoxerweise Antisemit, Wasja Kommunist (Philipp Stix) hält sich mit Alkoholgeschäften über Wasser. Er besorgt sich in Russland Wodka, den er zu Hause teurer verkauft.

Wo sich der vierte im Bunde, Sascha Zündkerze, aufhält, wissen sie nicht. Als Serhij und seine Kumpels erfahren, dass sich Saschas Vater („Nein, Stiefvater!“) erschossen hat, wittern sie darin so etwas wie eine Aufgabe. Sie wollen Sascha aufspüren und ihm die traurige Nachricht überbringen, damit er wenigstens am Begräbnis teilnehmen kann.

Odyssee im Rausch

Damit nimmt eine rauschhafte Odyssee ihren Anfang. Dog Pawlow, Wasja Kommunist und Serhij saufen und kiffen sich durch Charkiw, das sind nun einmal die einzigen Ermittlungsmethoden, die sie beherrschen. Für die sozialistischen Utopien von „Turnschuh-Marxisten“ haben sie wenig übrig. Auf einem Fabrikgelände erbeutet das Trio nachts eine Molotow-Büste, der Weg führt weiter in eine Roma-Siedlung und in die Wohnung von Marusja, die Tochter eines reichen Armeegenerals. Aleksandra Corovic spielt diese Marusja, wechselt aber auch souverän zu dickleibigen Männerfiguren. Ihre Schauspielerkollegen schlüpfen ebenfalls in weitere absurde Rollen des Romans.

Simple Realitätsbeschreibung ist bei Zhadan keine Option. So erklärt sich auch der Titel „Depeche Mode“ aus einer absurden Episode des Romans: In einer Jugend-Radiosendung wird die englische Synthie-Popband als "irische Volksmusikgruppe" vorgestellt.

Die Schauspieler agieren zwischen einer dunkelgrün getünchten Holzregalkonstruktion und zwei Plüsch-Kinosesseln. Zwischen den einzelnen Episoden werden diese Bühnenelemente verschoben, dazu erklingt Turbopolka-Punkrock von Gogol Bordello. Das verleiht dem eindreiviertelstündigen Theaterabend Tempo, die immer wieder ins Nichts verlaufenden Episoden können aber streckenweise gewisse Längen nicht verbergen.

Im Stich gelassen

Erzähler Serhij (Sven Kaschte)
© Bild: Chloe Potter
Superman-Shirt, Irokesen-Haarschnitt und Adidas-Jogginganzüge weisen darauf hin, dass eine sträflich im Stich gelassene Jugendgeneration in den Neunzigern neue Bausteine aus dem Westen zur Verfügung bekam, die sie aber nicht zusammensetzen konnte oder wollte. Oder wie es Serhij sagt: „Ich fühle mich wie ein Fluss, der gegen die Strömung fließt.“

Am Ende verlieren sich die drei Freunde auf einer Zugfahrt im Niemandsland irgendwo in der Ostukraine, lediglich Serhij dringt zu Sascha Zündkerze vor, der in einem Pionierlager namens "Chemiker" arbeitet.

Dem Romankosmos wird auffallend wenig hinzufügt. So hätte man das eigenartige Nicht-Geschehen etwa über Videos oder aktuelle Zitate Zhadans mit der hitzigen politischen Gegenwart der Ukraine konfrontieren können. Die Inszenierung setzt hingegen auf die Kraft des widerspenstigen, schwarzhumorigen, manchmal brachialen Textes. Diesen bringt das vierköpfige Ensemble lebendig auf die Bühne. Und so geben die Figuren zumindest eine Ahnung von der Zerrissenheit dieses Landes.

INFO: " Depeche Mode", von Serhij Zhadan, deutsch von Juri Durkot und Sabine Stöhr. In einer Bühnenfassung von Julia Burger und Anna Laner. Eine Produktion von reschen.see in Kooperation mit WERK X. Mit: Aleksandra Corovic, Sven Kaschte, Gideon Maoz, Philipp Stix

Weitere Vorstellungen: 18.-20.5.2015, 20 Uhr. Werk X Eldorado, Petersplatz 1, 1010 Wien

werk-x.at

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Erstellt am 15.05.2015