Kultur 07.04.2012

David Guterson: Bestraft für schlechten Sex

Für die Sexszene im Roman "Ed King" wurde der Amerikaner in seiner Heimat verspottet. Aber das war unfair. Er bietet Unterhaltung.

Für seinen schlechten Sex hat der Roman "Ed King" im vergangenen Jahr in den USA einen gar nicht begehrten Literaturpreis bekommen. Jonathan Littell ist bereits "ausgezeichnet" worden, Tom Wolfe, Norman Mailer, jetzt David Guterson.

Die Stelle, die von der Jury angeprangert wurde, steht in der deutschen Ausgabe auf den Seiten 300/301:
"In der Duschkabine legte Ed die Hände hinter den Kopf, wie jemand, der gerade verhaftet wird, während sie ihn mit einem Stück Seife abwusch. Nach einer Weile schloss er die Augen, woraufhin Diane die Finger spreizte und sein Gesicht anstarrte. Dann kam sie ihm mit zwei geübten Händen zu Hilfe, von denen die eine die Familienjuwelen knetete und die andere eifrig die Behandlung mit Wasser und Seife fortsetzte. Es dauerte nicht lange, bis der schöne und ebenmäßige Ed King zum fünften Mal in zwölf Stunden kam und dabei aussah wie eine Statue in einem römischen Bad."

So. War doch gar nicht schlimm.

Norman Mailer hatte mehr hochfahren müssen, "stoßende Kolben" nämlich, um 2007 posthum den "Bad Sex Award" zu gewinnen.

Der schlechte Sex passt zu dem lächerlichen Paar im Buch

David Guterson: „Ed King“ Übersetzt von Georg Deggerich. Hoffman und Campe. 23,70 Euro.
© Bild: Hoffman und Campe

Die "Familienjuwelen" sind nicht typisch für das Buch. (Das Wort hat in diesem Zusammenhang allerdings seinen Reiz.)
Die schlechte Sex-Schilderung passt zu der dramatisch lächerlichen Figur, die das Paar abgibt.
Diane und der um 16 Jahre jüngere Ed können es ja nicht ahnen. Aber wir Leser wissen von Anfang an: Diane und Ed sind Mutter und Sohn.

"Ed King" unterhält sehr gut. Es ist die alte Ödipus-Geschichte, die sich hier ab den 1960er-Jahren wiederholt. Der Amerikaner Guterson, bekannt seit dem Krimi "Schnee, der auf Zedern fällt" (1995), hat einige Überraschungen.

"Ed King" zeigt unsere verwirrende Welt

Sein Buch grinst, es kritisiert, es moralisiert leider auch, es zeigt unsere heutige verwirrende Welt. Das Chaos beginnt, wenn der Versicherungsangestellte Walter Cousins in krankheitsbedingter Abwesenheit seiner Ehefrau mit dem Au-pair-Mädchen schläft. Er ist um die 30, sie ist 16 und wird schwanger. Ihr Name ist Diane. Sie erpresst 500 Dollar monatlich für sich und den Buben. Der heißt Ed. Was der leibliche Vater nie erfahren wird, er zahlt und zahlt: Sie hat das Baby ausgesetzt. Ed wächst bei einer wohlhabenden jüdischen Familie auf. (Was wunderschön erzählt wird.)

Er gründet die größte Suchmaschine im Internet, die sogar sprechen kann, wird sehr reich und erfährt zu spät von seiner Vergangenheit. (Was der Höhepunkt des Romans ist.)
Und die leibliche Mutter? Arbeitet als Nobelhure, ist für ein paar Jahre mit einen Skifabrikanten zusammen, verkauft Kokain, verwelkt – und geht mit Ed auf einen Kaffee.
In diesem Moment spricht der Autor die Leser direkt an: „Wer wollte jemandem vorwerfen, dass er sich für diese potenziell heiße Stelle interessiert ...? Moment, muss nicht zuerst der Vater umgebracht werden? Wird selbstverständlich erledigt. Zwischendurch. Man sollte halt nie einen Unbekannten, der sein Auto mitten auf der Straße abstellt, weil er pinkeln muss, beschimpfen.
Der Pinkler könnte nicht nur der eigene Sohn sein. Sondern auch durchdrehen.

KURIER-Wertung: **** von *****

Peter Pisa

Christian Kracht: Wer nur Kokosnüsse isst, ist Gott am nächsten

Christian Kracht: "Imperium" Kiepenheuer & Witsch Verlag. 242 Seiten. 19,60 Euro.
© Bild: Witsch Verlag

War das ein Theater, als ein deutscher Rezensent den Autor als "Türsteher rechten Gedankenguts" bezeichnet hatte (und die Kritik später zurückzog)!
"Imperium"
verkaufte sich gleich viel besser, das übrige Feuilleton verteidigte Christian Kracht fast durchgängig ... und trotzdem ist es ein ziemlich langweiliger Roman.

Das liegt nicht an der – historisch verbürgten – Geschichte. Die hat etwas. Die hat sogar sehr viel.

Da wandert der langhaarige Nürnberger Apothekergehilfe August Engelhardt 1902 auf die Südseeinsel Kabakon aus. In eine deutsche Kolonie, wo er eine Kokosnussplantage erwirbt und den Sonnenorden gründet.

Engelhardt ist radikaler Vegetarier, und vom allwissenden Erzähler wird man ständig darauf aufmerksam gemacht, dass später ein anderer Vegetarier ("eine absurde schwarze Zahnbürste unter der Nase") sein Unwesen treiben wird.
Der schüchterne, junge Deutsche schadete sich vor allem selber. Wurde betrogen, bestohlen, ausgenützt. Seine Philosophie war der "Kokovorismus", gepaart mit Nudismus: Wer nichts anderes isst als Kokosnüsse, der ist Gott am nächsten. Kokosnüsse seien der Stein der Weisen.

Der altertümliche, pathetische Ton raubt dem Leser den Atem

Der damals bekannte Dirigent und Pianist Max Lützow, zivilisationsmüde geworden, schloss sich ihm vorübergehend an. Das brachte dem Kokovorismus einige Anhänger. Nein, ein Böser war dieser Engelhardt nicht. Ein Schwindeliger schon.

Es ist der Ton des Romans, der an den Nerven rüttelt. Dieser altertümliche, pathetische Ton, der – selbst wenn er parodistisch verwendet wurde – für schlechte, staubige Luft sorgt. Und atmen sollte man während des Lesens schon können dürfen.

"Unversehens überkam ihn das blümerante Gefühl, sein Körper würde schweben ..."

Fein, dass Christian Kracht diese Sprache beherrscht. In diesem Fall lenkt sie vom Abenteuer ab; und bringt nicht viel. Außer, dass einem plötzlich so blümerant zumute ist ..., dass man völlig erschöpft ist.

KURIER-Wertung: *** von *****

Peter Pisa

Banana Yoshimoto: Die dunkle Vergangenheit des Manegenmädchens

Banana Yoshimoto: „Ihre Nacht“ Übersetzt von Thomas Eggenberg. Diogenes 208 Seiten. 19,50 Euro.
© Bild: Diogenes

Da ist ein seltsames Mädchen, eine junge Frau, die sich nicht im Leben zurechtfindet. Yumiko lebt auf Kosten anderer und hat keine Freude dabei. Sie hat Angstattacken und weiß, dass es in ihrer Vergangenheit etwas Dunkles gibt, an das sie sich nicht erinnern kann. Und dann ist da ihr bodenständiger Cousin Shoichi.

Dass die Mütter der beiden Zwillingsschwestern waren, hielte man nicht für möglich. So grundverschieden Cousin und Cousine sind, so unterschiedlich haben sich auch die Schwestern im Lauf ihres Lebens entwickelt. Die eine wurde sanft und schön, die andere, Yumikos Mutter, eine bitterböse Frau, die ihre Familie tyrannisiert.

Wie genau sie ihren Tod fand, das hat etwas mit der dunklen Vergangenheit zu tun, an die sich Yumiko nicht erinnern kann.

Ihr Cousin Shoichi will Yumikos Erinnerung, nachdem auch seine Mutter gestorben ist, auf die Sprünge helfen. Hexen, Blut und Irrenhäuser werden eine Rolle spielen. Und der Gedanke, ob auf der Welt sein auch lebendig sein bedeutet.

Natürlich weiß Banana Yoshimoto, wie man Geschichten erzählt. "Ihre Nacht" ist ein spannendes Buch, voller Cliffhanger und anderer schreiberischer Tricks, die zum Weiterlesen zwingen, schnell, schnell, damit man endlich weiß: Wer lebt, wer ist tot, wer ist Geist, wer Mörder?

Bananenblüte

Die 48-jährige Schriftstellerin – Banana ist Yoshimotos Künstlername, sie sagt, er komme von der schönen roten Blüte der Bananenfrucht – gehört zu den erfolgreichsten literarischen Exportartikeln Japans. Vier ihrer Bücher wurden verfilmt.
Untote und Halbtote gehören zu den Festangestellten der Romane. So wie die Manga-Mädchen: Neben dem Übersinnlichen sind sogenannte Hōjo-Mangas, japanische Mädchencomics, Inspirationsquelle für Yoshimoto.
Möglicherweise ist Yumiko aus „Ihre Nacht“ so ein Mangamädchen. Die Sprache ist comichaft, die Story mit ihren spektakulären Wendungen zu routiniert. Junge untote Mädchen kennt man aus japanischen Horrorfilmen. Da sind sie eindringlicher.

KURIER-Wertung: *** von *****

Barbara Mader

( Kurier ) Erstellt am 07.04.2012