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Kultur
12/05/2011

David Cronenberg über Freud, Jung und Wien

Meisterregisseur David Cronenberg kommt mit seinem Freud-Film "Eine dunkle Begierde" zur Viennale nach Wien. Der KURIER traf ihn vorab in Venedig.

David Cronenberg ist Spezialist für das Wiener Fin-de-Siècle. In seinem brillanten Freud-Film "Eine dunkle Begierde" erzählt er schnörkellos und in klaren Bildern die Geschichte der Beziehung zwischen Sigmund Freud (Viggo Mortensen), seinem Kollegen C. G. Jung (Michael Fassbender) und deren gemeinsamer Patientin Sabina Spielrein (Keira Knightley). Am Freitagabend wird der kanadische Meisterregisseur auf der Viennale erwartet, wo Samstag eine Gala-Premiere in Anwesenheit Cronenbergs und seines Produzenten Jeremy Thomas stattfindet (29. 10., 21.00 Gartenbau; weiterer Viennale-Termin: 31.10., 23.30, Urania; Kinostart: 11.11.).

Der KURIER traf David Cronenberg vorab auf dem Filmfestival in Venedig, wo "Eine dunkle Begierde" im Wettbewerb lief.

KURIER: Mister Cronenberg, in Ihrem Film erkennt man ganz deutlich Wiener Schauplätze: Sigmund Freuds Wohnhaus in der Berggasse, das Belvedere, das Café Sperl. Wie wichtig war Ihnen das?
David Cronenberg: Sehr. Ich habe darauf bestanden, dass wir Schlüsselszenen in Wien drehen, obwohl es produktionstechnisch sehr schwierig war. Aber Wien ist nun einmal der Originalschauplatz, und ich wollte, dass die Schauspieler wissen, wie es sich anfühlt, über die gleichen Stiegen zu steigen wie damals Freud und Jung. Außerdem gibt es keinen Ort auf der Welt, der wie das Belvedere aussieht.

Was fasziniert Sie so an der Jahrhundertwende?
Ich finde Europa vor dem Ersten Weltkrieg höchst interessant, vor allem Wien als Zentrum der österreichisch-ungarischen Monarchie. Die Gesellschaft wähnte sich auf dem Höhepunkt der Zivilisation, und man glaubte an Rationalität und Fortschritt. Dann kam plötzlich Sigmund Freud daher und behauptete: Nein, das ist alles falsch. Nichts ist, wie es scheint. Unter unser freundlichen Oberfläche brodelt ein gefährlicher Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann. Und der Erste Weltkrieg hat dann ja auch gezeigt, dass die Illusion vom schönen, zivilisierten Europa tatsächlich nur eine Illusion war.

Im Konflikt zwischen Freud und C. G. Jung ist auch Antisemitismus ein Thema.
Freud wollte ursprünglich, dass sein fast 20 Jahre jüngerer Kollege Jung der "Anführer" der psychoanalytischen Bewegung wird. Jung war attraktiv, aus der Schweiz, und er war Christ. Freud hoffte, mithilfe Jungs die Psychoanalyse davor zu bewahren, als "jüdische Wissenschaft" abqualifiziert zu werden. Ich zeige, wie naiv Jung mit der Problematik umgegangen ist - einfach, weil er nicht vom Antisemitismus betroffen war. Freud hingegen musste aus Wien flüchten, um nicht ins Lager deportiert zu werden.

War Ihnen die Ähnlichkeit der Schauspieler mit den Originalfiguren wichtig?
Nun, wenn man einen biografischen Film macht, möchte man die Menschen zum Leben bringen und sie in ihren intimen Momenten zeigen. Ich hätte mich gerne mit Freud unterhalten und mit ihm eine Zigarre geraucht. Aber nachdem ich das nicht kann, versuche ich, ihn wieder auferstehen zu lassen. Es ist gut, wenn die Schauspieler eine gewisse Ähnlichkeit haben - aber am wichtigsten ist es, dass sie gute Schauspieler sind.

Die Bilder in Ihrem Film sind so kristallklar und hell. Wie machen Sie das?
Ich verwende zum Beispiel stärkere Weitwinkel-Linsen als die meisten anderen Regisseure. Aber was mir bei meinen Recherchen ganz stark aufgefallen ist: Sigmund Freud war ein Mann von unglaublicher Klarheit - sogar bei Dingen, die er selbst nicht verstand. Die Schönheit seiner Texte ist eines seiner Markenzeichen. Man liest sie und versteht genau, was er meint. Das finde ich wunderbar.

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