Kultur
01.03.2015

Theater, langartig und großweilig

Roland Schimmelpfennigs "Das Reich der Tiere" im Akademietheater.

Roland Schimmelpfennigs "Das Reich der Tiere" wurde 2007 in Berlin uraufgeführt und ist jetzt zum ersten Mal in Österreich zu sehen. Und obwohl der Text mehr als sieben Jahre alt ist, wirkt er so, als wäre er aktuell und für das Burgtheater geschrieben: Hier geht es um Kunstproduktion im Zustand des Mangels, um Theater im Prozess des Zerfalls, um Schauspieler, die ihre Würde verlieren.

In "Das Reich der Tiere" geht es um eine Schauspieler-Gruppe, die seit Jahren das Stück "Das Reich der Tiere" aufführt, eine poetische, aber auch ein wenig lächerliche Fabel um Herrschaft und Macht. Auch, wenn dem Darsteller des Marabu das Federkostüm bereits eiternd in die Haut wächst, auch, wenn der Darstellerin der Ginsterkatze das Blut schon aus dem Schuh läuft – gespielt werden muss, sechs bis neun Mal pro Woche.

Zudem regiert die Angst: Gerüchte gehen um, dass das Stück abgesetzt und durch die Produktion "Der Garten der Dinge" ersetzt wird. Einerseits haben die Darsteller Angst, dass ihre Verträge nicht verlängert werden – andererseits fürchten sie die Demütigung, als "Spiegelei" oder "Pfeffermühle" auftreten zu müssen.

Unter diesen Bedingungen erodieren die Beziehungen: Die Darstellerin der Antilope war zehn Monate auf Babypause, aber niemand hat ihr Fehlen bemerkt. Der Darsteller des Löwen, Vater ihres Kindes, erkennt sie nicht wieder – obwohl ihm ihr Hinterteil bekannt vorkommt. Der Darsteller des Zebras lockt einen Starautor in seine Wohnung, füttert ihn mit Wodka und wird mit einer Rolle in einem sehr schlechten Werbespot belohnt.

Schimmelpfennigs Text ist sehr typisch für ihn – realistische Szenen wechseln sich mit traumhaften Sequenzen ab, die Zeitebenen überlagern sich, Handlungsstränge durchdringen einander. Wie immer bei Schimmelpfennig befindet sich der Zuschauer nie auf sicherem Boden – kaum hat er sich in eine Szene locken lassen, schmeißt ihn ein Bruch in der Realität wieder raus.

Schimmelpfennigs Inszenierung – er führte selbst Regie – ist hochgradig poetisch, sie lässt sich so viel Zeit, dass es ans Zeitschinden grenzt, zärtlich zeigt sie den Alltag von Schauspielern zwischen Erhabenheit und Lächerlichkeit. Die langen Sequenzen des Schminkens vor der Vorstellung und des Duschens danach sind ebenso langweilig wie großartig.

Spiegelei

Das ist überhaupt typisch für diesen sehr interessanten Abend: Er ist manchmal einfach nur stinklangweilig – und dann kurz darauf wieder faszinierend und berührend – manchmal sogar gleichzeitig: langartig und großweilig.

Die Schauspieler – Johann Adam Oest, Peter Knaack, Oliver Stokowski, Philipp Hauß, Caroline Peters und Sabine Haupt – spielen wunderbar.

Das Ende – die Schauspieler müssen nun tatsächlich als Spiegelei, Toastbrot, Pfeffermühle und Ketchupflasche auf der Bühne tanzen – gehört zum Komischsten und gleichzeitig Traurigsten, das man seit Langem auf einer Bühne gesehen hat.

Jubel vom Publikum.

KURIER-Wertung:

Das Reich der Tiere

1/25

Das Reich der Tiere

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