Kultur
18.04.2017

Das Match um die Bäume ist eröffnet

Kunst-Unternehmer Klaus Littmann über sein Vorhaben, im Klagenfurter Stadion einen Wald zu pflanzen

Drei Jahre lang hatte Klaus Littmann im Verborgenen Gespräche geführt. Erst als der Stadtsenat Klagenfurts Ende März beschloss, sein Projekt „Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur“ umzusetzen und 2019 rund 200 Bäume im Wörthersee-Stadion zu pflanzen, ging er an die Öffentlichkeit – und wurde prompt attackiert.

„Ich bin nicht überrascht, dass Leute sagen: Wozu brauchen wir das“, sagt Littmann im Gespräch mit dem KURIER. „Meine Erfahrung ist, dass sie sich die Reaktion in dem Moment, wo das Projekt stattfindet, um 180 Grad dreht.“

Der Schweizer, der zwei Jahre beim Künstler Joseph Beuys studierte, hat Erfahrung mit Großprojekten. 1990 – Littmann betrieb damals eine Galerie – half er dem Künstler Guillaume Bijl, den Ausstellungsraum in einen funktionierenden Supermarkt zu verwandeln. 2004 wurde die Aktion im Museum Tinguely in Basel in großem Maßstab neu inszeniert. „Das war wie ein dreidimensionales Stillleben“, schwärmt Littmann. „Und dieser Wald ist das eigentlich auch.“

Das Anliegen, den Blick für das scheinbar Alltägliche zu schärfen, ist so etwas wie der gemeinsame Nenner von Littmanns Unternehmungen: Als besonderen Erfolg sieht er sein „Real Fiction Cinema“, eine Box, in der Besucher Platz nehmen und zu Klängen von Filmmusik auf die scheinbar vertraute Umgebung schauen. „Das funktionierte zuletzt auch in China“, sagt Littmann.

Baum schau’n

In Klagenfurt soll 2019 nun der Wald zum Schau-Erlebnis werden – in mitten der „Sehmaschine“ Stadion, 24 Stunden am Tag, nachts mit Flutlicht, bei freiem Eintritt.

Die Idee trug Littmann lange mit sich herum: Als er 1983 die Zeichnung „Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur“ des österreichischen Künstlers Max Peintner sah, wollte er sie über Jahre hinweg real umsetzen. Eher zufällig erfuhr er vom Klagenfurter Stadion, das – als „Hypo Group Arena“ für die EM 2008 erbaut – unter mangelnder Auslastung leidet. Mit Hilfe des Vereins „Lendhauer“ trieb Littmann das Projekt in Klagenfurt voran.

Dass das Stadion kein unbelasteter Ort ist, ist dem Schweizer dabei nicht entgangen. Mehr als 93 Millionen Euro sind in den Bau geflossen, der einen jährlichen Abgang von rund 1,1 Millionen Euro produziert – als Denkmal der „Kärnten ist reich“-Mentalität von Ex-Landeshauptmann Haider.

Reinigungsritual?

Bei der Frage, ob sein Wald eine Art Reinigungsritual für das Bauwerk darstellt, muss Littmann lachen. „Die Motivation, dieses Projekt zu realisieren, hat damit nichts zu tun“, sagt er und lobt die „an sich tolle Architektur“. „Es ist für mich ein Glücksfall, dass es das Stadion gibt – alles andere ist Lokalpolitik, da kann ich mich nicht äußern.“

Die zur Umsetzung notwendigen Baumpatenschaften – 5000 Euro für je einen von 200 Bäumen – verkauft Littmann inzwischen international. Und während das offizielle Klagenfurt den positiven Effekt für den Tourismus in den Fokus rückt, hegt Littmann primär die Hoffnung, dass Menschen vor Ort ihre Umgebung bewusster wahrnehmen: „Ich glaube, da entstehen Bilder, die sich einprägen und auch etwas bewegen“, sagt er.

Vorbilder: Beuys und Christo

Bei der documenta 1982 ließ Joseph Beuys eine riesige Menge Basaltsteine vor dem Museum Fridericianum in Kassel abladen. Bis 1987 wurden 7000 Eichen in der deutschen Stadt gepflanzt, für jeden Baum wurde ein Fels abtransportiert. Heute kümmert sich eineStiftungum den Erhalt des Kunstwerks, das nicht zuletzt die Vielfalt an Interessenslagen in der Gesellschaft sichtbar machen wollte.

Neben Beuys stand auch das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude für das Klagenfurter Projekt Pate: 1997/’98 ließen sie im Park der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel Bäume temporär verhüllen; bei den so genannten „Wrapped Trees“ ging es ebenfalls darum, die Wahrnehmung in einen Bereich jenseits des Selbstverständlichen zu verschieben.

2019 soll es parallel zur Aktion auch eine Ausstellung zum Thema „Baum“ in Klagenfurt geben. Als symbolträchtiges Motiv zwischen Natur und Kultur oder als Maßstab für die Dauer menschlichen Lebens hat Bruder Baum immer wieder Konjunktur in der Kunst: Denkwürdig blieb etwa Belinde de Bruyckeres Baum auf der Biennale Venedig 2013 oder der Abguss eines Olivenbaums, den Ugo Rondinone 2012 im Wiener Theseustempel platzierte.