Kultur
28.12.2017

Das Jahr, als das Gitarrenriff starb

Die elektrische Gitarre und ihre Meister verschwinden langsam.

Menschen, die in den Siebziger- oder Achtzigerjahren jung waren, erkennen es wahrscheinlich auch in gedruckter Form sofort:

Bap bap baa, Bap bap ba-baa, bap bap baa, baa baa.

"Smoke On The Water" von Deep Purple. Das berühmteste Gitarrenriff der Welt (manche sagen auch: das nervendste).

Menschen, die im Stromgitarrenzeitalter sozialisiert wurden, wissen auch, wie man auf diese Töne zu reagieren hat: Heldenpose einnehmen und Luftgitarre spielen.

(Man spielt dieses Riff übrigens nicht auf einer, sondern auf zwei Saiten, die gleichzeitig angerissen werden: D- und G-Saite. Offen-dritter Bund-fünfter Bund. Offen-dritter-sechster-fünfter. Usw. Es erklingen Quarten, aber weil wir uns in G befinden, sind es eigentlich umgedrehte Quinten, also Powerchords. Wurscht.)

Ermüdung

In zehn Jahren wird die schöne Kulturtechnik des Luftgitarrespielens vielleicht schon in Vergessenheit sein, ebenso wie die Kunst des Gitarrenriffs.

2017 starben zwei der allergrößten Riff-Meister aller Zeiten, Chuck Berry und Malcolm Young von AC/DC. Tony Iommi beendete heuer seine aktive Karriere – seine Band Black Sabbath spielte ihr angeblich allerletztes Konzert. Ritchie Blackmore – der mit "Smoke On The Water" – schreibt schon lange keine Riffs mehr, sondern nur noch verträumten Mittelalter-Folk.

Und Keith Richards von den Rolling Stones – der vielleicht beste Riff-Erfinder von allen – wurde vor wenigen Tagen 74 und wirkt müde.

Gleichzeitig geht der Verkauf von elektrischen Gitarren weltweit stark zurück – "die elektrische Gitarre stirbt einen stillen Tod", lautete im Sommer eine Schlagzeile der Washington Post. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Zeit der maskulinen Gitarrenhelden, die das Instrument als Genitalverlängerung trugen, ist vorbei. Elektronische Instrumente sind billiger und leichter zu bedienen. Es fehlt an Auftrittsmöglichkeiten. Und Gitarristen von heute verwenden eher akustische Gitarren – und auf denen klopft man keine Riffs, sondern schrammelt Akkorde, siehe Ed Sheeran.

Was ist eigentlich ein Gitarrenriff? Im Lexikon steht etwas von "hohem Wiedererkennungswert" und von "ostinaten Wiederholungen". Ein Riff ist eine kleine, meist rhythmisch scharfe Melodiefigur, die sich, ohne Widerstand zu dulden, ins Innenohr fräst.

Ein gutes Riff steht für den ganzen Song, den es trägt – manchmal auch für das Gesamtwerk der Band. Man braucht nur das Riff von "Satisfaction" hören – das Keith Richards angeblich im Traum einfiel – und man weiß: Ah! Rolling Stones!

Früher begannen Rockmusiker beim Songschreiben oft mit dem Riff. Man wusste: Ist das Riff gut, ist das schon die halbe Miete, der Rest ergibt sich dann schon irgendwie.

Heute werden Songs seltener auf der E-Gitarre komponiert, öfter auf der Akustischen oder auf Tasteninstrumenten oder Computern. Sie werden rund um Grooves oder Akkordwechsel geschrieben.

Träumen

Natürlich gibt es nach wie vor Hunderttausende Nachwuchs-Gitarristen und -Gitarristinnen auf der Welt, die sich in Kinderzimmern und Proberäumen harte Haut auf die Finger üben – durchaus möglich, dass einem oder einer von ihnen ein neues "Jumping Jack Flash" oder "Whole Lotta Love" oder "Enter Sandman" einfällt. Das Problem dabei: Die Zahl der in Frage kommenden Ton-Kombinationen ist begrenzt. Möglicherweise wurden die bestmöglichen Riffs bereits alle geschrieben.

Andererseits: Solange Keith Richards lebt, besteht Hoffnung. Wenn er müde ist, soll er doch ein wenig schlafen. Und träumen ...