© Peter Piller/Bildrecht, Wien 2016

Ausstellung
02/23/2016

Das Archiv der Lieblosigkeit

Peter Pillers tragisch-komische Foto-Arrangements, zu sehen bis 22. Mai im KunstHausWien.

von Michael Huber

Auch für Bilder, die es nie in die hehre Sphäre der Kunst geschafft haben und es auch nie dorthin schaffen werden, gibt es Codes - Darstellungsformen, die sich nie ändern.

Das gilt für Gruppenfotos von Feuerwehrpersonal in der Lokalzeitung ebenso wie für Abbildungen von Männern, die einen offenen Kanaldeckel inspizieren. Auch jene Pfeile, die in einem meist unscharfen Landschaftsfoto darauf hinweisen sollen, dass an einem unspektakulären Ort etwas Besonderes passiert ist, sind ein immer wiederkehrendes Stilmittel.

Dass der deutsche Künstler Peter Piller sich diesem von Kunsthistorikern schwer vernachlässigten Feld angenommen hat, ist ein Verdienst. Die Schau, die Piller bis 22. Mai gemeinsam mit der Künstlerin Anita Witek imKunstHausWienbestreitet, ist ein Crash-Kurs in Sachen Alltags-Ikonografie, der nicht nur lehrreich, sondern auch zum Brüllen komisch ist: Die ungelenke Bildsprache, die heute nicht zuletzt am Boulevard dank der Segnungen der Amateur- und Handyfotografie grassiert, wird hier gnadenlos vorgeführt.

Piller entdeckte seine Lust, einschlägige Bilder zu sammeln, während er für eine Media-Agentur arbeitete und überprüfen musste, ob diverse geschaltete Anzeigen auch richtig erschienen waren: „Belegkontrolle“ nennt man diese Tätigkeit, und ebenso heißt auch die Ausstellung. Was Pillers Arbeit eine künstlerische Wendung gibt, ist die Anordnung der Bilder entlang seltsamer Kriterien – die Serie „In Löcher blicken“ sticht gleich zu Beginn der Wiener Schau hervor.

Einförmige Eigenheime

Doch nicht nur in Bildern, auch in der Architektur floriert die Ästhetik der Sorglosigkeit: Ein ganzer Raum der Ausstellung ist gesammelten Luftaufnahmen deutscher Einfamilienhäuser gewidmet, die der Künstler nach dem Muster der im Vorgarten ausgelegten Waschbetonplatten, den Swimmingpools oder den im Garten aufgestellten Kinderzelten anordnete. Das Arrangement entzaubert das Ideal des Eigenheims und hält die frustrierende Gleichförmigkeit der Speckgürtel-Architektur vor Augen.
Als Künstler steht Piller auf einem schmalen Grat: Seine Sammlungen sind nämlich auch als Witze auf Kosten jener lesbar, die fotografische oder architektonische Lieblosigkeit produzieren oder sich damit zufrieden geben. Pillers Katalogisierung und strenge Anordnung lebt noch von der Hoffnung, dass man sich durch eine „höhere Ordnung“ aus diesem Sumpf ziehen könnte; spätere Arbeiten überspannen leider den Ironiebogen, etwa wenn Piller peinliche Werbe-Ästhetik via Photoshop mit Lastwagen-Türen kombiniert. In einer Welt, in der alle Bildungsschichten „Dschungelcamp“ schauen, hat sich der Blick von oben herab auf den Trash erübrigt. In seinen besten Arbeiten ermutigt Piller jedoch dazu, genau hinzusehen, Eindrücke zu unterscheiden und sie so zu behandeln, wie es ein Museum mit seinen Schätzen tut.

Bis 22.5.2016, KunstHausWien. Das Archiv Peter Piller ist auch online einsehbar. Am Montag, den 29.2., um 19 Uhr spricht KURIER-Redakteur Thomas Trenkler in der Ausstellung mit dem Künstler.

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