Kultur
05.12.2011

Dany Boon im KURIER-Interview

Wer die "Sch'tis" mochte, wird auch "Nichts zu verzollen" lieben. Den neuen Film von Star-Comedian Dany Boon.

Ganz unscheinbar, in einem grauen T-Shirt und mit leicht säuerlichem Gesichtsausdruck, sitzt er da in einem Zimmer des noblen Hotel Fouquets Barrière gleich um die Ecke der Champs-Élysées. Dany Boon mag keine Interviews, in denen er Dinge über sich preisgeben muss. Aber der Starautor, -Regisseur und -Mime muss da durch: Er macht Werbung für seinen neuen Film "Nichts zu verzollen" (Kinostart: 22. Juli), einer Komödie über zwei Zollbeamte aus Frankreich und Belgien, die sich partout nicht ausstehen können.

KURIER: Der kleine Grenzverkehr ist bei Ihnen ein großer Streitverkehr. Können sich Belgier und Franzosen wirklich so wenig leiden?
Dany Boon: Naja, ein bisschen davon stimmt schon. Meine Idee war, einen Film über den ganz alltäglichen Rassismus zu machen, aber auf eine Art, dass die Leute darüber lachen müssen. Es ist ja auch zum Lachen: Zwischen Franzosen und Belgiern gibt es eigentlich keine Spannungen. Weder ethnische Differenzen noch religiöse. Sie haben die gleiche Hautfarbe, die gleiche Sprache, die gleiche Religion. So wie Deutsche und Österreicher. Dennoch gibt es dumme, pseudo-patriotische Vorurteile. Die Grenzen sind in unseren Köpfen.

Sie beschäftigen sich gern mit Vorurteilen. In Ihrem Megaerfolg "Willkommen bei den Sch'tis" waren es jene der Pariser über die G'scherten in der nordfranzösischen Provinz, hier sind es die Vorurteile der Bewohner an der Grenze zu Belgien.
Vorurteile sind eine Malaise unserer Gesellschaft. Ich habe festgestellt, dass es den Franzosen verdammt schwer fällt, über sich selbst zu lachen. Viel schwerer als den Belgiern. Deshalb liebe ich es, meinen Landsleuten den Spiegel vorzuhalten. Ich
mokiere mich über die Funktionäre, die da oben, deren Aktionen und Ansichten für die da unten oft schwer verständlich sind.

Sind Sie ein politischer Mensch?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin Repräsentant einer bestimmten Art von Menschlichkeit. Eines Anti-Zynismus, einer gelebten Zärtlichkeit. Ich mache mich nie über Menschen lustig, nur über deren Ansichten. Ich komme aus einem sehr bescheidenen Milieu. Das vergesse ich nicht. Nein, ich sehe meine Rolle nicht darin, politische Fehlentwicklungen wie die Stärke der Rechtsextremen in Frankreich zu kritisieren.

Die "Sch'tis" waren mit über 20 Millionen Zusehern der erfolgreichste französische Film aller Zeiten. Wie hat dieser Erfolg Ihr Leben verändert?
Ich stehe jetzt natürlich im Fokus der Öffentlichkeit. Ich habe in meiner Arbeit an Selbstvertrauen gewonnen, weil ich gesehen habe, dass die Richtung stimmt, die ich eingeschlagen habe. Aber es ist schon vieles komplizierter geworden und geht mir auf die Nerven. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich arbeite gerade an einem neuen Bühnenstück. Eigentlich wollte ich ja aufhören mit diesen Auftritten, andererseits brauche ich den direkten Kontakt zum Publikum. Das ist meine Basis, mein Labor. Ich spiele also in Toulouse, in einem kleinen Saal. Zwei Abende, ausverkauft. Drei, vier Tage vor dem Auftritt rufen mich die Organisatoren an und fragen mich, wie viele Karten ich für Bekannte reserviert bräuchte. Ich sage: zwanzig. Gebe dann zehn davon zurück. Daraufhin schreibt ein Journalist: "Dany Boon füllt zwar die Kinos, hat aber Mühe, einen Saal in der Provinz zu füllen." Auf so einen Quatsch muss ich mich jetzt eben einstellen.

Ihr Vater war ein Kabyle aus Algerien, Ihre Mutter französische Katholikin. War die schwierige Liebesbeziehung in "Nichts zu verzollen" auch von den Erfahrungen Ihrer Eltern inspiriert?
Durchaus. Die Vorbehalte gegenüber meinem Vater waren groß. Als meine Mutter dann auch noch ganz jung schwanger wurde, wurde sie von einem Teil ihrer Familie verstoßen. Manche Dinge ändern sich nicht - auch, wenn Gesellschaften sich weiterentwickeln.

Sie sind für Ihre Frau zum Judentum konvertiert. War das ein schwieriger Schritt?
Nein. Wir waren in unserer Familie nie religiös. Ich war zwar als Kind bei der Kommunion und in Messen, aber mehr nicht. Dass ich zum Judentum übergetreten bin, war schlicht und einfach ein Liebesbeweis. Meiner Frau war es sehr wichtig, in der Synagoge getraut zu werden. Ich bin ein Stück auf meine Frau zugegangen. Wir feiern Weihnachten und Chanukka. Ich esse koscher - aber nicht streng.

Aufstieg: Vom Landei in den Kino-Olymp

Stand-up-Comedian Dany Boon wurde als Daniel Hamidou am 26. Juni 1966 in Armentières im französischen Departement Nord geboren. Er begann seine Karriere als Komiker auf der Straße und auf Kleinbühnen in der Provinz, arbeitete hauptberuflich als Zeichner in einem Trickfilmstudio. Ab 1992 war er mit seinen Sketches regelmäßig im französischen Fernsehen zu sehen.

Erfolg mit Dialekt 2003 bestritt Boon ein Kabarettprogramm im Dialekt seiner Heimatregion Nord-Pas-de-Calais, dem Ch'ti. Das Programm wurde zum Riesenerfolg und Boon machte daraus einen Film über sich selbst als verlorener Städter unter den Provinzlern, "Willkommen bei den Sch'tis". Der Film löste Louis de Funès' "Große Sause" als erfolgreichster Film der französischen Geschichte ab.