Jean-Yves Ferri über den gallischen Esprit: „Im Dorf sind sie nicht 'Anti-Cäsar'. Aber wenn man sie sekkiert, dann wehren sie sich.“

© KURIER/Gilbert Novy

Asterix
05/11/2014

"Dann fliegen die Watschen!"

Szenarist Jean-Yves Ferri erzählt, was passiert, wenn man Gallier sekkiert.

von Barbara Mader

Er hat den ersten Asterix geschrieben, der nicht von Albert Uderzo stammt. Und es hat funktioniert: "Asterix bei den Pikten" wurde zum Bestseller. Jetzt war der neue Asterix-Szenarist (der, welcher die Geschichten und Dialoge für den Zeichner entwirft) Jean-Yves Ferri beim "Salon de la Bande Dessinée Francophone de Vienne", dem französischen Comic-Festival, zu Gast in Wien. Dem KURIER gab er im Französischen Kulturinstitut im Palais Clam-Gallas ein Interview.

Die sich immer mehr verdichtenden Verkaufsgerüchte rund um das Palais haben in der französischen Community Wiens für Proteste gesorgt. Das ist auch das passende Stichwort für einen, der Geschichten von widerständigen Galliern schreibt.

KURIER: Monsieur Ferri, was würden Asterix und Obelix zum Verkauf dieses Palais’ sagen?

Jean-Yves Ferri: Asterix und Obelix befinden sich grundsätzlich im Widerstand gegen die Obrigkeit. Gerade jetzt gibt es in Frankreich wieder Proteste gegen den Bau eines Flughafens. Die Protestbewegung nennt sich "Asterix".

Kann man sagen, dass moderne Widerstandsbewegungen wie "Occupy" Asterix’ Erben sind?

Ja, schon, und man darf nicht vergessen, dass Asterix tatsächlich im Geiste der Résistance entstanden ist und vom Grunde her erinnern die römischen Truppen natürlich an die Kriegsbesatzer.

Deshalb wird es also seitens der Gallier nie Mitleid mit den Römern geben?

Nun, im Dorf sind sie nicht "Anti-Cäsar". Aber wenn man sie sekkiert, dann wehren sie sich natürlich. Die Gallier wollen niemandem etwas Böses, aber wenn man ihnen etwas aufzwängt, dann kracht’s natürlich, dann fliegen die Watschen.

In wie weit ist die Gegenwart wichtig? Ist es dasselbe, ob man 1972 oder 2014 einen Asterix schreibt?

Nun, die Idee des Dorfes, dieser kleinen Gemeinschaft mit ihren Typen, ist zeitlos. Sie macht es auch möglich, dass Asterix nicht aus der Mode kommt. Wenn Sie zum Beispiel Tin Tin damit vergleichen, der ist ja wirklich nicht mehr zeitgemäß. Bei Asterix ist das nicht so. Wir denken allerdings daran, uns beim nächsten Album ein Thema unserer Zeit vorzunehmen.

Da dürfen Sie freilich nicht darüber reden...

Nein, auf keinen Fall, das ist das letzte große Staatsgeheimnis Frankreichs.

Asterix ist quasi französisches Nationalheiligtum. Hatten Sie Angst davor, in Uderzos und Goscinnys Fußstapfen zu treten?

Angst ist nicht das richtige Wort. Ich habe gut darüber nachgedacht, ich wusste, worauf ich mich einlasse.

Uderzo hat seine Nachfolger selbst ausgesucht. Wie haben Sie sich qualifiziert? Es wird ihm wohl nicht genügt haben, dass auch Sie 1959, im selben Jahr wie Asterix, geboren sind?

Er hat sich für meinen Text unter vielen entschieden. Das lag wohl daran, dass die anderen so schlecht waren. Und er mochte meinen Humor. Und ja, die Sache mit dem Geburtsjahr, dass auch der Zeichner Didier Conrad im selben Jahr geboren wurde, das hat ihm gefallen, er ist ein sehr instinktiver Mensch, er hat darin ein Zeichen gesehen. Und es bedeutet ja tatsächlich, dass wir mit Asterix aufgewachsen sind, ist also nicht ganz unwichtig.

Können Sie sich an die erste Begegnung mit Asterix in Ihrer Kindheit erinnern?

Ja! Wissen Sie, wenn Asterix jemandem einen Faustschlag versetzt, dann fliegen Sandalen rund um dessen Schädel. Das fand ich als Kind spektakulär!

Die spinnen, die Römer

Der liebenswürdige Dicke mit der Vorliebe für Wildschweine und der unbeugsame Kleine mit dem scharfen Verstand taten erstmals Ende der fünfziger Jahre ihren Widerstand gegen die Römer kund.

Dabei hätte es Obelix fast nicht gegeben, erzählte Zeichner Albert Uderzo einmal. Denn Texter René Goscinny (der u.a. auch den „Kleinen Nick“ erfand), hatte sich ausdrücklich einen schmächtigen Helden gewünscht, um Kindern Mut zu machen. Den großen Dicken zeichnete Uderzo trotzdem. Die beiden Gallier wurden zum unschlagbaren Duo, das seit 1959 in einer beispiellosen Erfolgsstory beständig behauptet: „Die spinnen, die Römer“. In mehr als 111 Sprachen wurden die Abenteuer von Asterix und Obelix übersetzt und mehr als 325 Millionen Mal verkauft. Nur die Bibel und Harry Potter können da mit. Nach dem Tod von Goscinny 1977 machte Uderzo alleine weiter und gründete dafür den Verlag Albert René. Doch die Fans trauern Goscinny bis heute nach.

Uderzo, der das Zeichnen vor einigen Jahren wegen Arthrose an den Nagel hängen musste, betraute mit dem Zeichner Didier Conrad und dem Texter Jean-Yves Ferri nun zwei Künstler mit seiner Nachfolge, die beide 1959, im selben Jahr wie Asterix geboren wurden – ein gutes Omen. Ferri will erklärtermaßen an die frühen Werke von Goscinny anknüpfen: „Goscinny war in der ganzen franko-belgischen Comic-Geschichte einer, der über allen stand“.

Ende Oktober kam mit „Asterix bei den Pikten“ Band 35 in den Handel und wurde gleich zum Bestseller. Weniger schön entwickelte sich zuletzt das Privatleben von Uderzo. Zwischen ihm und seiner einzigen Tochter schwelt ein hässlicher Konflikt um das Asterix-Erbe.
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