"Jugendzimmer" in der Galerie Crone, Wien.

© KURIER/Michael Huber

KUNST
09/08/2016

"Curated By": Idole zum Selberbauen

Das Wiener Galerienfestival widmet sich heuer dem Überthema "Hommage"

Die Kunstszene gibt sich gern aufgeklärt und avantgardistisch, ist in Wahrheit aber ein ziemlicher Traditionsverein: Es gibt weiterhin „Meisterklassen“ an Akademien, kaum ein Kunstwerk, kaum eine Ausstellung kommt ohne Bezug auf historische Vorbilder aus.

Das Galerienfestival „Curated By“ rückt nun diese Traditionen in den Fokus. Wie in früheren Jahren bildete ein theoretischer Impuls den Ausgangspunkt für internationale Kuratorinnen und Kuratoren, die von 19 Galerien eingeladen wurden.

Heute erschöpft sich die Bezugnahme auf Vorbilder heute längst nicht mehr in der Verehrung oder bewussten Ablehung von Meister-Figuren, argumentiert der Kulturwissenschaftler Diedrich Diederichsen in seinem Impulstext „Meine Herkunft habe ich mir selbstausgedacht“: Künstler und Künstlerinnen würden sich heute eher selbst (Geistes-)Verwandte in vergangenen Zeiten oder entlegenen kulturellen Nischen suchen oder sich Ziele in einer utopisch gedachten Zukunft stecken.

Freaks und Stars

In der Galerie Meyer Kainer (Eschenbachgasse 9, 1010 Wien) haben die Künstler Henning Fehr und Philipp Rühr etwa Skulpturen, die beim Subkultur-Festival „Burning Man“ in die Wüste gestellt wurden, für den Galerieraum nachgebaut; die „Stammeskultur“, die bei dem Fest in Kalifornien zelebriert wird, tritt hier in einen Dialog mit dem Ritualen, die die Kunstszene als eine Art „Stamm“ definieren.

In der Galerie Crone nebenan hat Dirk Schönberger – Sammler und im „Brotberuf“ Kreativdirektor bei adidas – ein Jugendzimmer nachgebaut, in dem sich neben Posters und Plattencovers auch Werke renommierter Künstlerinnen und Künstler wie Andy Warhol oder Albert Oehlen finden: Das Zimmer voller Vor-Bilder, das von seinem Bewohner geformt wird ihn zugleich formt, ist hier ein gelungenes Sinnbild für Selbstfindung generell.

Ein Konnex zur Popkultur findet sich auch in der Solo-Schau der tschechisch-kanadischen Künstlerin Jana Sterbak in der Galerie Steinek: Ihr „Flesh dress for an albino anorectic“, 1987 inszeniert, wurde 2010 von Lady Gaga als Anregung für einen Auftritt bei den MTV-Awards genutzt, der weltweitSchlagzeilenmachte.

Die Spannweite der Verbindungslinien bei „Curated By“ beschränkt sich aber nicht nur auf globalisierte Popkultur: Eine tolle Schau in der Galerie Krobath spannt etwa die Abstraktion der pakistanischen Künstlerin Nasreen Mohamedi mit aktuellen Werken der Künstlerin Sofie Thorsen zusammen; bei Krinzinger Projekte (Schottenfeldgasse 45) lernt man ein Künstlerkollektiv aus Bangladesch kennen, das sich exotischerweise Joseph Beuys zum Vorbild genommen hat.

Die Netzwerke, die sich hier ausbreiten, sind damit freilich nicht erschöpfend beschrieben, es gibt viel zu entdecken. Das Festival, das Wien ja als Knotenpunkt der Kunstszene stärken will, hat mit dem Thema der Wahlverwandschaften jedenfalls einen guten Griff getan.

INFO

Bis 15. Oktober in 19 Wiener Galerien Eintritt frei. Geführte Touren an Freitagen und Samstagen; Termine auf www.curatedby.at