Cormac McCarthy 2009 in der Oprah Winfrey Show: Er kenne keine Schriftsteller persönlich und ziehe Gespräche mit Wissenschaftlern vor

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Die Kinder Gottes sind immer die Gleichen geblieben
12/27/2014

Die Kinder Gottes sind immer die Gleichen geblieben

Ein 40 Jahre alter Roman des US-Amerikaners löst den Würgereflex aus.

von Peter Pisa

Immer wird im Zusammenhang mit Cormac McCarthy das Wort "düster" bemüht.

Aber das ist viel zu hell für seine Bücher.

"Die Straße" war die Apokalypse, in Stein gehauen. Amerika war verbrannt, die Sonne war weg, die Bösen haben die Guten gefressen.

Soll man da sagen, das ist düster?

Und vorher, als 1973 erstmals McCarthys "Ein Kind Gottes" in den USA erschien, schauen wir den Billy an: eine kleine Nebenfigur; ein Kind mit riesengroßem Kopf. Billy bekommt ein halb erfrorenes Rotkehlchen geschenkt.

Und was macht er?

Er beißt ihm die Beine ab, der Vogel zappelt auf dem Boden – "hol Billy die Schweinerei aus dem Mund", sagt die Mutter zur Tochter, "sonst wird ihm noch schlecht davon."

Nur düster?

Oder wird allen schlecht? Das ist ein Unterschied zu "Die Straße". Damals, als Vater und Sohn zu überleben versucht haben, heulte man bloß.

Bei "Ein Kind Gottes" – jetzt erstmals übersetzt, weil von James Franco 2013 verfilmt (nur auf DVD erhältlich) – würgt man.

In Großaufnahme steht zumeist Lester Ballard vor uns. Vielleicht in den 1960er- Jahren, vielleicht in Tennessee, aber das ist völlig egal.

Denn niemand glaubt, dass die Menschen irgendwann schlechter waren als sie es heute sind. Menschen sind immer die Gleichen gewesen, seit Gott sie geschaffen hat.

Unerklärlich

Und auch Lester Ballard ist ein Kind Gottes "ganz wie man selbst".

Ein Gedanke, der wie ein Schuss in die Brust schmerzt.

Ballard stürzt ab. Sein Haus wurde zwangsversteigert, jetzt lebt und friert und hungert er in Höhlen. "Wie man selbst" sehnt er sich nach Liebe und Sex – und (denn wie macht man es sonst?) erschießt deshalb Frauen: Dann zieht er den Leichen rote Unterwäsche an und legt sich zu ihnen unter die Decke ... und trotzdem ist es nicht so, dass dieser Kerl ausschließlich Ekel erzeugt.

Auch berührt er auf seinem erschreckenden Weg in den Mistsack der Medizinuni (ein wenig) – und wenn man bedenkt, wie sparsam Stilist Cormac McCarthy mit der Sprache umgeht, ist es ein Wunder, wie dreidimensional das Kind Gottes in dem drastischen Roman wirkt.

Und wie unerklärlich. So wie später der Auftragskiller mit dem Schlachtschussapparat in "Kein Land für alte Männer" (2005).

Geister sind sie, die man nicht aus den Augen lassen darf, damit sie nicht ein ganzes Land beherrschen.

McCarthy ist mittlerweile 81. Er hat seinen Platz neben DeLillo, Pynchon, Philip Roth sicher. "Die Straße" vor acht Jahren ist sein bisher letzter Roman. Es ist nicht bekannt, ob er seither an einem Manuskript arbeitet. Aber es sieht vermutlich düster aus.

KURIER-Wertung:

INFO: Cormac McCarthy: „Ein Kind Gottes“ Übersetzt von Nikolaus Stingl. Rowohlt Taschenbuch. 192 Seiten. 13,40 Euro.

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