Kultur
03.05.2017

"Cinema Futurs": 3-D als Trojanisches Pferd

Michael Palm erzählt in seiner Doku über das Verschwinden des analogen Films.

Michael Palm beginnt seinen Film "Cinema Futures" mit einem unheimlichen Bild von der Jahrtausendwende: Zu sehen ist eine Gruppe von amerikanischen Geschäftsleuten, von denen jeder grinsend einen Kanister für Filmrollen in Händen hält. Vor ihnen steht ein großer Mistkübel, auf dem zu lesen ist: "Obsolete". In einer Pressekonferenz erklärten sie ihre Aktion: Das Medium Film sei obsolet geworden und gehöre ausgemistet.

Nach 120 Jahren Filmgeschichte ist das Zelluloid nun der digitalen Revolution zum Opfer gefallen. Zum Minderheitenprogramm geworden, dem sich nur noch Regisseure wie Christopher Nolan, Quentin Tarantino oder Steven Spielberg verpflichtet fühlen, aber nicht mehr die große Masse an Filmschaffenden.

Das Verschwinden des analogen Films beschäftigt Regisseur Michael Palm in seinem aufwendig recherchierten und spannend argumentierten Dokumentarfilm "Cinema Futures" (derzeit im Kino). Palm befragte eine Vielzahl an Experten – von Filmarchivaren und Filmwissenschaftlern bis hin zu unmittelbar betroffenen Regisseuren wie Martin Scorsese und Christopher Nolan.

Begonnen habe er seine Recherche im Herbst 2012, erzählt Palm im KURIER-Gespräch: Der Fotoriese Kodak hatte den Konkurs angemeldet; die Mehrzahl der Kinos rüstete auf digitale Projektion um, die Studios lieferten keine Filmrollen mehr aus. Zwar war diese Entwicklung absehbar, doch der Schock in der Filmarchivszene dennoch groß. Brennende Fragen such(t)en nach Antworten: Was bedeutet die Digitalisierung für das Archiv? Wie sieht die Langzeitspeicherung aus – sowohl des analogen wie auch des digitalen Films? Was geschieht mit dem Filmerbe?

Welche Filme sollen bewahrt werden, welche nicht? Diesen Fragen geht auch Michael Palm nach. Ihm sei es aber nicht darum gegangen, "einen Antagonismus zwischen analogen und digitalen Film zu konstruieren."

Einsparungsgründe

Trotzdem wirft er auch einen scharfen Blick auf die Ökonomiegeschichte, die die Digitalisierung voran getrieben hat: "Das Digitale wurde ja oft als Fortschritt gefeiert: es habe eine höhere Auflösung, sei nicht so teuer und daher das demokratischere Medium", erzählt Palm. Die Filmindustrie aber war vor allem aus Einsparungsgründen an der Digitalisierung interessiert. Und die 3-D-Technologie spielte dabei eine große Rolle .

In den Worten des Filmwissenschaftlers David Bordwell war 3-D das Trojanische Pferd, mit dem (vor allem die US-)Kinobetreiber unter Druck gesetzt wurden: Wer sein Kino nicht umgerüstet hatte, konnte "Avatar" nicht zeigen. Und auch sonst keinen jener Filme, die in Zukunft in 3-D auf den Markt kommen würden. Star-Regisseure wie Christopher Nolan kämpfen dagegen an, dass das Analogmaterial der Filmindustrie verloren geht. Warum? "Weil er sich sein Medium nicht wegnehmen lassen will", sagt Palm.

Dass der analoge Film immer mehr verschwindet, ist trotzdem unausweichlich. Die Frage der Filmaufbewahrung steht daher auch im Zentrum von "Cinema Futures".

Der analoge Film tut sich da beim Überleben leichter, denn mittlerweile ist auch das "digitale Dilemma" bekannt. Stichwort Datenmigration: "Nach fünf Jahren auf dem Server müssen die Daten auf das jeweils neuere Format überspielt werden", sagt Palm. "Und das ist eine teure Angelegenheit, die sich zwar die Filmindustrie, aber kaum unabhängige Filmschaffende leisten können."