In Christian Stückls Inszenierung kehrt Turrini an die Burg zurück. Premiere: 13. November

© /Georg Soulek/Burgtheater

Christian Stückl
11/08/2014

"In Ihnen steckt viel Wut, Herr Turrini"

Der langjährige Jedermann-Regisseur inszeniert Turrinis "Bei Einbruch der Dunkelheit" (Burg).

von Guido Tartarotti

Stückl, 53, ist Intendant des Münchner Volkstheaters und holte die Oberammergauer Passionsspiele in die Gegenwart. In seiner Regie spielen: Markus Meyer, Dorothee Hartinger u. a.

KURIER: Peter Turrini hat sich mehrmals über Regisseure beklagt, die Stücke verändern. Wie ist die Zusammenarbeit mit ihm?

Christian Stückl: Die wenigsten Autoren sagen: Da, nimm das Stück und mach was draus. Sie möchten das, was sie geschrieben haben, auf der Bühne auch sehen. Wir haben uns nicht sklavisch an den Text gehalten. Sondern die zwei, drei Fassungen, die Turrini erstellt hat, genommen, Holprigkeiten überarbeitet, anderes für die Bühne spielbarer gemacht.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Turrinis Stücken?

Turrini war in den Siebziger- und Achtzigerjahren ein starker, viel gespielter Autor, heute ist er eher ein Suchender. Jeder Autor muss sich immer wieder neu finden.

Das Stück hat ja einen realen Hintergrund: Den "Tonhof" des Komponisten Gerhard Lampersberg, wo in den Fünfzigerjahren Dichter wie Thomas Bernhard, H. C. Artmann und der junge Turrini ein Refugium fanden.

Meine erste Reaktion auf den Text war: Was passiert denn da? Ich habe nichts über die Entstehungsgeschichte gewusst. Ich wusste zunächst nicht, dass in dem Stück Thomas Bernhard, Artmann, die Lampersbergs vorkommen, und dass der 15-jährige Bub Turrini ist. Ich habe dann für mich entschieden, dass mir diese realen Figuren egal sind, weil sie mir nichts erzählen. So kann ich frei herangehen und die eigentliche Geschichte hervorholen, von Menschen erzählen, die aneinander kleben, von ihren Abhängigkeiten.

Turrini ist ja auf Bernhard seit damals nicht sehr gut zu sprechen. Dennoch liest sich das Stück erstaunlich Bernhard-artig – die Figuren reden in Tiraden mit sich selbst.

Ich habe zu Turrini gesagt: Wenn ich Ihr Stück lese, denke ich mir, in Ihnen steckt viel Wut. Turrini war ja auch froh, wieder vom Tonhof wegzukommen. Diese Gesellschaft hat ihn angezogen, aber auch wieder abgestoßen. Genau das findet sich im Stück wieder: Diese Figuren kreisen ununterbrochen um sich selbst. Fordern stets die größtmögliche Freiheit ein, sind aber in Wahrheit total eng.

Dennoch ist der Text sehr komisch – alle guten Komödien sind ja nahe an der Tragödie.

Bei den Proben wurde viel gelacht, das finde ich gut.

Das ist Ihr Debüt an der Burg. Was bedeutet Ihnen das Haus? Wir Wiener sehen es ja als das wichtigste Theater der Welt ...

Das Theater ist auch gut ausgestattet (schaut sich um und lacht). So ein Besprechungszimmer haben wir nicht in München! Schon Matthias Hartmann hat mit mir über eine Inszenierung gesprochen, aber da hatte ich gemischte Gefühle. Denn in den Neunzigerjahren waren wir Konkurrenten, die beiden Jungregisseure Münchens. Matthias am Resi, ich in den Kammerspielen. Aber als mich Karin Bergmann angerufen hat, habe ich mich gefreut. Es ist schön, hier zu arbeiten. In den ersten Probenwochen hat man die Unruhe im Haus gemerkt. Aber jetzt ist wieder Ruhe eingekehrt – obwohl alle wissen, dass Karin Bergmann auch einiges verändern wird.

War die Entlassung von Hartmann in Deutschland ein Thema?

Es stand ja in allen Zeitungen, und wir haben alle darüber diskutiert. Letztlich ist man zu weit weg, um sich ein genaues Bild zu machen. Aber ich bin auch Intendant eines Hauses, alles, was der Matthias sagt, glaube ich ihm nicht. Weil ich mir denke, als Intendant kriegt man schon mit, was im Haus läuft. Die viel wichtigere Frage: Inwieweit schadet das uns allen? Es gibt leider viele Leute, die sagen: Brauchen wir subventioniertes Theater überhaupt? Wenn die das Gefühl bekommen, wir hauen das Geld unsinnig hinaus, wird es für uns schwer.

Zuletzt bekam man als Wiener den Eindruck: München läuft uns den Rang als Theater- und Opernstadt ab.

Wir in München haben uns in einen gesunden Konkurrenzkampf untereinander begeben. In Wien habe ich manchmal das Gefühl, die Josefstadt ist die Josefstadt, das Burgtheater ist das Burgtheater, das Volkstheater ist das Volkstheater, und irgendwie stehen die gar nicht wirklich in Konkurrenz.

Sie leiten des Münchner Volkstheater mit viel Erfolg. Was ist gutes Volkstheater?

Ich mag eigentlich das Wort Volkstheater nicht. Das ist so eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Und das hängt mit so einer eigenartigen Idee des Völkischen zusammen, dass man plötzlich überall das Volk drauf schreibt. Ich habe sechs Jahre in den Kammerspielen gearbeitet und bin dann ans Volkstheater gewechselt – ich macht doch drüben kein anderes Theater als hier! Wichtig sind die Themen und die Stoffe. Das Volkstheater hat in München das jüngste Publikum – und das liegt nicht nur an den Stücken, sondern daran, dass bei uns junge Schauspieler auf der Bühne stehen – da fühlen sich die jungen Zuschauer ganz anders angesprochen.

In Österreich kennt man Sie als Regisseur des Salzburger Jedermann von 2002 bis 2012 – war es schwer, loszulassen?

Überhaupt nicht. Ich habe mir gesagt, ich habe ihn gemacht, in der Vita ist er drin (lacht). Ich habe die Inszenierung elf Jahre lang gemacht, irgendwann kann man die eigene Inszenierung nicht mehr sehen. Wie eine Frau, die vor zehn Jahren ein Kleid gekauft hat – die will es ja auch nicht mehr anziehen.

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