Kultur
18.09.2018

Chilly Gonzales: Ein unberechenbarer Entertainer

Der Film "Shut Up And Play The Piano" dokumentiert das Leben und Schaffen des Musikers Chilly Gonzales.

Chilly Gonzales ist ein Dandy mit Leib und Seele. Ein Showman par excellence, einer, der gerne im seidenen Morgenmantel, mit toupierten Brusthaaren und in plüschenen Hauspatscherln vor das Publikum tritt.

Ausgedacht hat sich diese schillernde, mit viel Ironie und Größenwahn ausgestattete Kunstfigur der aus Kanada stammende Musiker und Komponist Jason Beck, der sich seit seinem frühen Meisterwerk „Presidential Suite“ (2002) ständig neu erfindet. Gab das musikalische Multitalent zu Beginn seiner Karriere noch den herrlich verrückten Gaga-Rapper samt Punk-Attitüde, so verwandelte er sich als Chilly Gonzales zuletzt immer mehr zum feudalen Entertainer am Klavier; zum gefragten Pop-Arrangeur, der schon Künstlern wie Leslie Feist, Jarvis Cocker oder Peaches zu besseren Songs verhalf. Und die Mitwirkung an Daft Punks Erfolgsalbum „Random Access Memory“ bescherte ihm 2014 den begehrtesten Musikpreis der Welt – einen Grammy.

Soeben hat Gonzales den letzten Akt seiner „Solo Piano“-Trilogie veröffentlicht, ein Werk, das Klassik und die Eingängigkeit des Pop clever miteinander verknüpft. Wer sich einen Überblick über den kontrastreichen Output des Wahl-Kölners verschaffen möchte, kann das ab 21. September im Kino machen. Dann startet „Shut Up And Play The Piano“, ein Dokumentarfilm von Philipp Jedicke, der Chilly Gonzales von Kanada in den Berliner Underground der späten Neunziger und über Paris in die Konzerthäuser der Gegenwart folgt.

KURIER: Herr Jedicke, wie ist es zur Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Chilly Gonzales gekommen?
Philipp Jedicke:
Ich fragte ihn am Ende eines Interviews ganz spontan. Er sagte direkt „go ahead!“, also „mach’ mal!“, und gab mir die eMail-Adresse seiner Managerin und Geschäftspartnerin Melinda Cody. So stand ich da plötzlich, mit dieser Riesenaufgabe, und ich hatte ja noch nie vorher einen Film gemacht.

Wie kann man so eine vielfältige Künstlerfigur wie Chilly Gonzales in einem einzigen Dokumentarfilm fassen? Auf welchen Teil seiner Karriere haben Sie sich dabei konzentriert? Wie schwer war, sich dabei nicht zu verlaufen?
Ich habe mich auf die extremen Wechsel in seinem musikalischen Output konzentriert und mich gefragt: Wie kam es dazu? Was hat ihn dazu motiviert? Und ich habe mich mit seinen Rap-Texten auseinandergesetzt. Darin ist er sehr ehrlich, da spricht tatsächlich sehr oft Jason Beck, wie er in Wirklichkeit heißt, und nicht Chilly Gonzales. Ich habe seine Selbstzweifel entdeckt. Dann habe ich bestimmte Songs als Ankerpunkte genommen, um seine Geschichte zu erzählen, denn bei dem enormen Archivmaterial, das mit zur Verfügung gestellt wurde, war es tatsächlich sehr schwierig, sich nicht zu verlaufen.

Welchen Chilly Gonzales wollten Sie zeigen?
Ich wollte einen Künstler zeigen, der sehr selbstreflexiv ist. Der ständig zwischen der Lust am Entertainment und der Sehnsucht nach musikalischer Anerkennung pendelt. Einen Künstler, der nicht herumgesessen ist in der Hoffnung, entdeckt zu werden, der nicht an Genie oder den Kuss der Muse glaubt, sondern hart arbeitet. Schauen Sie sich an, wie der Mann schwitzt, das ist ein Handwerker.

Ein Interview nimmt in der Doku eine zentrale Rolle ein, es führt quasi durch den Film. Was war der Gedanke dahinter?
Ich wollte Gonzales über sich selbst sprechen hören. Idealerweise in einer Situation, in der er als Chilly Gonzales und nicht als Jason Beck antwortet. Gonzales und ich waren uns schon sehr nah, es brauchte aber eine gewisse Distanz dafür. Wir dachten zunächst an eine Kulturjournalistin, konnten uns aber zunächst auf niemanden einigen.

Geworden ist es schlussendlich die gerne als „erbarmungslos“ bezeichnete Schriftstellerin Sibylle Berg. Warum ausgerechnet Frau Berg?
Der Vorschlag kam von einer guten Bekannten. Gonzales war davon begeistert und las sofort eines ihrer Bücher – es war fasziniert von ihr als Person. Sibylle Berg war auch sofort dabei.

Was schätzen Sie am Musiker Chilly Gonzales?
Seine Eigenständigkeit, seine Unberechenbarkeit, seine Lust am Entertainment und seine Liebe zur Musik.

Und was schätzen Sie an der Person hinter der Kunstfigur?
An Jason Beck schätze ich seine Sensibilität, seine Loyalität und seinen Humanismus.

„Shut Up And Play the Piano“ ist Ihre erste Regiearbeit. Haben Sie Lust auf mehr bekommen?
Ich habe tatsächlich Blut geleckt.

Was waren die größten Schwierigkeiten, Herausforderungen?
Jedes Debüt ist schwer. Ich hatte vor allem sehr lange zu kämpfen, dass dieser Film überhaupt entstehen konnte. Auch der Schnitt war eine gigantische Herausforderung, nicht nur für mich, sondern für alle Beteiligten. Ich habe viel Geld, Nerven und Resthaar verloren in diesen dreieinhalb Jahren. Aber es hat sich gelohnt.

Gibt es bereits neue Projekte?
Ja. Ich möchte einen Film über die Wiener Musikszene machen.

Was interessiert Sie daran?
Die beste deutschsprachige Musik kommt meines Erachtens seit einigen Jahren aus Wien. Sei es Hip-Hop, Singer-Songwriter, Rock oder Pop – in all diesen Genres tut sich in Wien unheimlich viel. Ich finde die aktuelle Wiener Szene auch erfrischend unangepasst, ehrlich und extrem divers – mit Mut zur eigenen Meinung und zur Unangepasstheit.

Welcher Musiker, welche Musikerinnen sollen darin unbedingt vorkommen?
Ich will noch nicht zu viel verraten, wir sind bereits in der Vorbereitung und bei den Anfragen. Aber so viel vorweg: Ich bin riesiger Voodoo-Jürgens-Fan.

Tipp: „Shut Up And Play The Piano“ kommt am 21. September in die heimischen Kinos. Am 22. September (20 Uhr) gibt es im Wiener Gartenbaukino ein Sondervorführung, nach der sich der Regisseur des Films, Philipp Jedicke, den Fragen der Kinobesucher stellen wird.