Kultur
14.10.2017

"Chikago" und wir Wirtschaftsflüchtlinge

Theodora Bauer über die Burgenländer, die nach Amerika gingen

Schau dir was an: Wirtschaftsflüchtlinge sind ja gar nichts Neues für Österreich. Man vergisst so leicht. Man informiert sich so ungern, bevor geredet wird.

Vor 100 Jahren sind geschätzte 100.000 arme, unerwünschte Menschen aus dem (heutigen) Burgenland nach Amerika ausgewandert, und Theodora Bauer hat wohl schmunzeln müssen, als sie in Berichten der Heimkehrer las:

Pioniere seien sie gewesen, die mithalfen, die Neue Welt aufzubauen.

Denn heute ist Österreich auf der anderen Seite – und nun klingt alles anders, Wirtschaftsflüchtlinge sollen hier nichts zu suchen haben ... und so ist Theodora Bauers " Chikago" auch ein Statement zur aktuellen Lage im Land – und der wahrscheinlich allererste Roman zum historischen Thema.

In Kittsee beginnt er, und hier endet alles, weil die Welt, in der alles besser ist, halt auch in Chicago nicht zu finden war.

Deshalb heißt das Buch "Chikago" mit "k", österreichisch. Denn angeblich kam ein Burgenländer, der seinem "amerikanischen Gefühl" nachgegangen war, zurück und sah in Kittsee die neuen, eng nebeneinander stehenden Häuser: "Ihr baut’s ja wie in Chikago!"

Seither heißt dieser Teil der Gemeinde so.

Feri, Franjo, Frank

Die 27-jährige Autorin hat sich mit einem Auswandererschicksal in der US-Stadt der vielen Schlachthöfe inkl. Tod und Suff nicht zufriedengegeben.

Es tropft das Drama wie eine Infusion und geht direkt in die Köpfe.

Aber sehr nuanciert zeigt Theodora Bauer auch diese Zwischenwelt an der Grenze, als man gerade noch zu Ungarn gehörte bzw. eben erst zu Österreich wurde.

Außerdem war Kittsee immer auch kroatisch, sodass der Feri, dessen Sehnsucht nach einem besseren Leben nachgespürt wird, auch der Franjo ist und dann der amerikanische Frank, seine Frau Kathi ist auch die Katica, und es sind nur Namen. Es zählt der Mensch. Man vergisst so leicht.


Theodora Bauer:
Chikago
Picus Verlag.
250 Seiten.
22 Euro.

KURIER-Wertung: ****